Wir unterstützen und beraten Ehrenamtliche
Interview mit Jan Holze, Vorstand der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE)
(Dies ist die Langfassung des Interviews, das im BTFB-Verbandsmagazin BewegtBerlin, Ausgabe 1-2026 (März), erschienen ist.)
Jan Holze ist seit Juli 2020 Gründungsvorstand der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE). Davor hat der Volljurist fünf Jahre lang die Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern aufgebaut und geleitet. Jan Holze hat Betriebswirtschaftslehre und Rechtswissenschaften studiert. Nebst seiner Arbeit für die DSEE engagiert sich Jan Holze ehrenamtlich, insbesondere im Kinder- und Jugendsport. Aktuell ist er ehrenamtlicher Präsident des Landeshandballverbands Mecklenburg-Vorpommern, war aber auch schon u.a. Vorsitzender der Deutschen Sportjugend und Mitglied im Präsidium des (Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB). Er verfügt damit über umfassende Vereins-, Verbands- und Stiftungserfahrung – von der lokalen bis hin zur Bundesebene.

Herr Holze, unser erstes Interview im Jahr 2020 erfolgte kurz nach der Gründung der Stiftung (und unseres Magazins …). Seitdem sind in jeder Hinsicht bewegte Jahre vergangen. Wie hat sich die Stiftung seit ihrer Gründung entwickelt?
Wenn man auf die Anfangszeit zurückblickt, kann man sich die Stiftung tatsächlich ein Stück weit wie ein Start-up vorstellen. Wir hatten zu Beginn leere Räume, kaum Strukturen und gleichzeitig einen sehr großen Auftrag: Engagement und Ehrenamt in ganz Deutschland zu stärken. Seit der Gründung hat sich die Stiftung sehr dynamisch entwickelt. Inzwischen haben wir über 20.000 Organisationen finanziell gefördert – auch aus Berlin – und konnten viele Angebote aufbauen, die Engagierte ganz konkret unterstützen. Dabei war uns von Anfang an wichtig, unsere Arbeit eng am tatsächlichen Bedarf der Engagierten auszurichten. Deshalb haben wir viel zugehört – in Gesprächen mit Vereinen, Initiativen und Engagierten vor Ort – und unsere Angebote Schritt für Schritt daraus entwickelt.
So sind beispielsweise unsere Beratungsangebote gewachsen. Neben Fragen zu Fördermöglichkeiten oder rechtlichen Themen gibt es heute auch Unterstützung etwa zu Versicherungsfragen oder zur Organisation von Vereinsarbeit. Auch im Bereich Wissenstransfer hat sich viel entwickelt: Aus den ersten Online-Seminaren ist inzwischen eine umfangreiche Wissens- und Lernplattform entstanden.
Wie verändern sich Motivation und Formen des ehrenamtlichen Engagements?
Wir sehen ganz klar: Menschen engagieren sich weiterhin in großer Zahl ehrenamtlich. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme ist die Engagementquote gerade bei jungen Menschen sehr hoch. Viele möchten sich einbringen und gesellschaftlich etwas bewegen.
Was sich allerdings verändert, sind Motivation und Formen des Engagements. Freude an der gemeinsamen Sache ist nach wie vor der wichtigste Motor. Gleichzeitig spielen heute auch Selbstverwirklichung, persönliche Weiterentwicklung und der Erwerb von Kompetenzen eine immer größere Rolle. Viele Engagierte möchten etwas Sinnvolles tun – und dabei auch selbst etwas lernen und gestalten.
Ein deutlicher Wandel zeigt sich bei den Engagementformen. Klassische langfristige Funktionen in Vereinen, etwa als Vorsitzende oder Schatzmeisterin, werden zunehmend schwerer zu besetzen. Viele Menschen engagieren sich lieber projektbezogen oder zeitlich flexibler.
Der Sport lebt vom Ehrenamt und das seit mehr als einem Jahrhundert. Können andere gesellschaftliche Bereiche von diesen Erfahrungen im Sport profitieren? Nutzt Ihre Stiftung diese im Sport erworbenen Kompetenzen?
Der organisierte Sport ist tatsächlich ein zentraler Motor für ehrenamtliches Engagement in Deutschland. Viele der Strukturen, die dort gewachsen sind – etwa Teamarbeit, Verantwortungsübernahme oder die Fähigkeit, Menschen für eine gemeinsame Sache zu begeistern – sind auch für andere Bereiche der Zivilgesellschaft sehr wertvoll. Als DSEE greifen wir diese Erfahrungen gezielt auf. In unseren Förderprogrammen – etwa Engagiertes Land – Beratungsangebote und Weiterbildungen – zum Beispiel FuturE – bringen wir Engagierte aus unterschiedlichen Bereichen zusammen – aus dem Sport, aus Kulturvereinen, sozialen Initiativen oder dem Katastrophenschutz. Dieser Austausch ist sehr bereichernd, weil viele Herausforderungen ähnlich sind: Mitglieder gewinnen, Ehrenamtliche entlasten oder Vereinsarbeit zukunftsfähig organisieren.
Wie ist die Arbeitsweise der Stiftung, wie können Ehrenamtliche – nehmen wir als Beispiel den Vorstand eines Sportvereins – Unterstützung durch die Stiftung erfahren?
Unser Ziel ist es, Ehrenamtliche in ihrer täglichen Arbeit ganz praktisch und unbürokratisch zu unterstützen: Mit Beratung, Qualifizierung, Förderung und Vernetzung. Ein Vereinsvorstand kann sich direkt mit konkreten Fragen an uns wenden, etwa zu Vereinsrecht, Fördermöglichkeiten, Digitalisierung oder Öffentlichkeitsarbeit. Unsere Beraterinnen und Berater helfen gern. Alle Angebote sind kostenfrei. Auch mit unserer Servicehotline oder per E-Mail unterstützen wir die Engagierten. Ergänzend bieten wir regelmäßig Online-Seminare und Workshops an. Dort geht es zum Beispiel um Themen wie Mitgliedergewinnung, Vorstandsarbeit, Fördermittelakquise oder moderne Vereinsorganisation. Wenn der Vereinsvorstand sich zum Beispiel fragt, wie die Projektidee der Jugendtrainerin umgesetzt werden könnte, dann hilft beispielsweise die Teilnahme an einer DSEE-Digitalkonferenz zu Fördermitteln oder die Fördermittelberatung, die geeignete Angebote zu identifizieren hilft.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil unserer Arbeit ist die Vernetzung. Wir bringen Engagierte aus unterschiedlichen Bereichen zusammen, damit sie voneinander lernen können, zum Beispiel durch Best-Practice-Beispiele oder gemeinsame Veranstaltungen.
Die Gründung der Stiftung erfolgte in der Zeit der Corona-Pandemie. Damals rückte das Thema Digitalisierung in den Fokus und ist seitdem ein zunehmend wichtiger Aspekt ehrenamtlichen Engagements, auch im Sport. Kann die Stiftung auch auf diesem Gebiet weiterhelfen?
Die Digitalisierung von Engagement und Ehrenamt gehört tatsächlich zur DNA der Stiftung. Bereits im Gesetz zur Errichtung der DSEE ist die Digitalisierung als ein zentraler Schwerpunkt verankert. Mit unserem Programm „100xdigital“ haben wir inzwischen mehr als 500 Organisationen dabei unterstützt, ihre ganz individuellen digitalen Herausforderungen zu bewältigen. Auch im Rahmen unserer Klein-Förderprogramme erreichen uns häufig Anfragen zu digitalen Projekten. Darüber hinaus greifen wir das Thema regelmäßig in unseren Fort- und Weiterbildungsangeboten auf.
Für 2026 planen wir außerdem eine digitale Tool-Sammlung in unserem Lernportal, in der wir praxiserprobte Lösungen vorstellen, die speziell für zivilgesellschaftliche Organisationen geeignet sind. Hierbei arbeiten wir auch mit Partnern wie Google zusammen, die uns ihre Expertise für die Engagierten zur Verfügung stellen.
Wie verarbeiten Sie das Feedback aus der Praxis, wie fließen Erkenntnisse z.B. aus Best Practice Beispielen, in Ihre Arbeit ein?
Wir stehen über unsere Servicehotline und per E-Mail jede Woche mit hunderten Personen und Organisationen im direkten Austausch. Auch an unseren Online-Seminaren nehmen regelmäßig mehrere hundert Engagierte teil. Dieses Feedback aus der Praxis ist für unsere Arbeit enorm wichtig. Die Fragen und Erfahrungen der Engagierten zeigen uns sehr konkret, wo Unterstützung gebraucht wird, welche Themen besonders relevant sind und an welche bürokratischen Hürden Vereine immer wieder stoßen. Diese Rückmeldungen fließen direkt in die Weiterentwicklung unserer Angebote ein – etwa bei Förderprogrammen, Beratungsangeboten oder Qualifizierungen. Gleichzeitig sind wir durch unsere Struktur eng mit den Bundesministerien verbunden und können die Perspektive der Engagierten in politische Prozesse einbringen, zum Beispiel bei der Diskussion über den Abbau von Bürokratie im Ehrenamt.
Unser Schwerpunkt in dieser Ausgabe liegt auf der ehrenamtlichen Arbeit in Vorständen und Gremien von Sportvereinen und -verbänden. Hier ist die Nachwuchsgewinnung besonders schwierig. Welche Tipps und Hilfe können Sie unserem schon erwähnten Vereinsvorstand dazu geben?
Viele Vereine stehen vor der Herausforderung, neue Menschen für Vorstands- oder Gremienarbeit zu gewinnen. Wichtig ist zunächst, Engagement attraktiv und machbar zu gestalten. Dazu gehört möglichst flexible Zeiteinteilung, klares Erwartungsmanagement und Aufgabenprofile sowie die Entlastung von Bürokratie. Für viele Engagierte spielt auch eine Rolle, dass sie im Ehrenamt Kompetenzen erwerben oder beruflich relevante Erfahrungen sammeln können.
Gerade junge Menschen gewinnt man vor allem dann, wenn sie früh Verantwortung übernehmen dürfen. Lange Wege durch Vereinsstrukturen oder starre Hierarchien können dagegen abschreckend wirken. Eine offene Willkommenskultur, Mentoring durch erfahrene Engagierte und konkrete Gestaltungsmöglichkeiten helfen, neue Ehrenamtliche einzubinden.
Wichtig ist außerdem eine zielgruppengerechte Ansprache. Junge Menschen erwarten heute oft moderne Arbeitsformen und digitale Zusammenarbeit. Wenn Vereine hier offen sind und Engagement flexibel gestalten, entstehen viele neue Möglichkeiten.
Welche Argumente für eine solche Tätigkeit würden Sie persönlich vorbringen, Sie waren ja seinerzeit selbst in Gremien, u.a. der Deutschen Sportjugend, tätig?
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Mitwirkung in Gremien eine große Chance bietet, wirklich etwas zu bewegen. Man bekommt Einblick in Entscheidungsprozesse, lernt, Kompromisse zu finden und Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig ist es eine Möglichkeit, die Interessen junger Menschen oder bestimmter Gruppen aktiv zu vertreten und damit Entwicklungen im Sport und darüber hinaus mitzugestalten. Für mich persönlich war und ist das auch eine prägende Erfahrung, weil man dabei viel über Zusammenarbeit, demokratische Prozesse und strategisches Denken lernt.
Ein nach wie vor aktuelles Thema ist die gesellschaftliche Wertschätzung der ehrenamtlichen Arbeit. Sie definierten damals eine Anerkennungskultur auch durch einfach zugängliche und passgenaue Förderprogramme, den Abbau rechtlicher Hürden oder auch Verwaltungsvereinfachungen. Was hat sich diesbezüglich getan und an welchen Stellschrauben ist zu drehen für mehr gesellschaftliche Anerkennung des Ehrenamts?
In den vergangenen Jahren hat sich hier deutlich etwas bewegt. Die aktuelle Bundesregierung hat sich das Vorhaben Zukunftspakt Ehrenamt als Aufgabe gegeben und ist schon einige Schritte gegangen. Anfang 2026 sind hierzu schon maßgebliche Vereinfachungen in Kraft getreten. Gleichzeitig wissen wir, dass die Bürokratie weiterhin eine konkrete Herausforderung im Alltag von Ehrenamtlichen ist. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist deshalb nach wie vor der Abbau unnötiger bürokratischer Hürden und die Vereinfachung von Verwaltungsprozessen. Wir als DSEE versuchen auch immer wieder neue Wege in diesen Bereichen zu gehen. Ein Beispiel wäre die neue Antragsstellung per Video für unser Förderprogramm action!: Engagierte schildern ihre Projektidee in einer Video-Sprechstunde, und das action!-Team trägt die Angaben direkt in den Antrag im Förderportal ein.
Die persönliche Frage des Interviews von 2020 ist auch die jetzige: Was wünschen Sie sich für die Zukunft, für die ehrenamtliche Arbeit?
Für die Zukunft der ehrenamtlichen Arbeit wünsche ich mir vor allem, dass Engagement weiterhin die Anerkennung und Unterstützung erhält, die es verdient. Wir sehen schon heute, dass sich freiwilliges Engagement verändert: Immer mehr Menschen engagieren sich, ohne klassisch Mitglied in einem Verein oder Verband zu sein. Engagement wird oft projektbezogener, informeller und flexibler. Ich wünsche mir deshalb, dass wir sowohl die bewährten Strukturen unserer Vereine stärken als auch neue, niedrigschwellige Formen des Engagements ermöglichen.
Und ich wünsche mir, dass wir die große Bedeutung des Ehrenamts noch stärker sichtbar machen. Ein schönes Beispiel dafür ist der bundesweite Ehrentag, zu dem wir in diesem Jahr gemeinsam mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erstmals einladen. Unter dem Motto „Für dich. Für uns. Für alle.“ wollen wir rund um den Geburtstag des Grundgesetzes vom 16. bis zum 31. Mai Menschen in ganz Deutschland ermutigen, sich einzubringen, gemeinsam aktiv zu werden und die Kraft des Engagements zu erleben. Denn Ehrenamt lebt von Begegnung, von Gemeinschaft und davon, dass Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. Wir unterstützen dies mit einem eigenen Förderprogramm. Mehr Infos unter www.ehrentag.de.
Weitere Quellenangaben / Informationen zum Artikel:
Interview: Sonja Schmeißer | Foto: DSEE/Benjamin Jenak