Fürs Ehrenamt das Wertvollste geben: Lebenszeit
Interview mit Karin Dohrmann, BTFB-Vizepräsidentin Gleichstellung, Ehrenamt und Verbandsentwicklung
(Dies ist die Langfassung des Interviews, das im BTFB-Verbandsmagazin BewegtBerlin, Ausgabe 1-2026 (März), erschienen ist.)
Karin, du bist Vizepräsidentin für Gleichstellung, Ehrenamt und Verbandsentwicklung. Das ist ein großer Verantwortungsbereich. Welchen Stellenwert hat das Thema Ehrenamt in dieser Konstellation?
Die ehrenamtliche Arbeit hat für mich den absolut höchsten Stellenwert. Im Rahmen eines Ehrenamtes geben wir das Wertvollste, was wir haben, unsere LEBENSZEIT, für Aufgaben, Ämter, für unsere Mitmenschen. Und wir wissen ja nicht, wie viel Zeit uns zur Verfügung steht. Ohne das Ehrenamt können wir nichts umsetzen, es ist das Fundament für unsere Vereine und unseren Verband.
Wie bist du selbst zur ehrenamtlichen Tätigkeit gekommen und was ist deine Motivation, es immer weiter zu tun?
Durch die Mithilfe bei internationalen Turnveranstaltungen war das Schauen hinter die Kulissen für mich sehr spannend und beeindruckend, sodass ich immer wieder mit dabei war, mir Aufgaben übertragen wurden, und ich auch die Anerkennung für meinen Einsatzes erfuhr. Während der einjährigen Mentoring-Projektleitung traten auch Fähigkeiten zutage, von denen ich nicht wusste, dass ich sie besitze, und die außerhalb meiner hauptberuflichen Tätigkeit lagen.
Der Grund, dass ich weiterhin ehrenamtlich arbeite, liegt u.a. auch an den Teams, denen ich angehörte und angehöre. Im Laufe der gemeinsamen Jahre sind auch Freundschaften entstanden. Eine andere große Motivation ist für mich auch der gesellschaftliche Aspekt. Das Ehrenamt empfinde ich als „Bindemittel“ in unserer Gesellschaft. Was würde alles nicht funktionieren, wenn es das ehrenamtliche Engagement nicht geben würde und sich Menschen finden, die Verantwortung in vielen Bereichen, auch im Sport, übernehmen. Und dies wird in diesen unruhigen Zeiten immer wichtiger.
Welche Aufgaben und Ziele sind mit deiner Position verbunden, bezogen auf das Thema Ehrenamt?
Das Aufgabengebiet Ehrenamt hat zwei Ebenen: zum einen ist das der Bereich auf Verbandsebene mit Präsidiumssitzungen und Fachausschusstreffen, der andere Bereich umfasst die Verbindung zu den Mitgliedsvereinen. Insgesamt suchen wir Wege, um das Ehrenamt sichtbar zu machen, im Kleinen wie im Großen. Dazu gehört Netzwerkarbeit und das Thema Wertschätzung, welchem wir uns besonders annehmen.
Woran arbeitest du gerade, beschreibe mal bitte ein, zwei Beispiele.
Ohne Wertschätzung kann keine ehrenamtliche Arbeit funktionieren, deswegen bin ich zurzeit dabei zu ermitteln, wer sich bis hinein in die verzweigten Strukturen unseres Verbandes ehrenamtlich einbringt. Und in Hinblick auf den Vereinsbereich gehe ich z.B. auf neu in unseren Verband aufgenommene Vereine zu, um sie persönlich „zu begrüßen“, Informationen über unseren Verband aufzuzeigen und ggf. bei Startschwierigkeiten Hilfe anzubieten. Dies ist eine Aufgabe, die ich persönlich sehr gerne mag. Es ist für mich eine Freude, so hochengagierte Menschen kennenzulernen, und zu sehen, wie sie mit unheimlich viel Herzblut versuchen, Sportangebote zu organisieren, mit allem, was dazu gehört, und sich dazu entschließen, z.B. einen Verein zu gründen.
Was liegt dir in dieser Tätigkeit besonders am Herzen?
Wie ich schon erwähnte, möchte ich die wertvolle Zeit, die wir in unsere ehrenamtliche Arbeit investieren, auch wirklich sinnvoll gefüllt wird. Das bedeutet auch, dass die Arbeit durch wertschätzende Kommunikation geprägt wird. Dies versuche ich umzusetzen, wobei dies auch nicht immer gelingen wird.
Worauf bist du, seid ihr, stolz über Erreichtes in den letzten Jahren?
Wir sind einer der wenigen Verbände, welche seinen ehrenamtlich engagierten Frauen in den Vereinen eine Wertschätzung in Form eines jährlich ausgeschriebenen Preises ausdrückt. Der Vera-Ciszak-Preis hat einen hohen Stellenwert für die Geehrten, die von ihren Vereinen für die Ehrung vorgeschlagen werden. Er wird seit 2010 im Rahmen unserer BTFB-Awards verliehen.
Und worin bestehen die größten Herausforderungen?
Ehrenamtliche für die Verbandsarbeit neu zu gewinnen.
In welchem Bereich im Präsidium und Präsidialrat wird personelle Verstärkung bzw. Nachwuchs im Ehrenamt gesucht?
Da habe ich leider keinen Überblick. Dies kann nur jeder Fachbereich konkret benennen. Aber dies ist eine Frage, die beantwortet werden muss, um konkret eine Suche breiter aufzustellen. Diese Frage werde ich aufgreifen. Ich selbst würde mich sehr über (ggf. zeitlich begrenzte) Unterstützung für unseren Fachausschuss Gleichstellung und Ehrenamt freuen, um das Thema Wertschätzung breiter zu bearbeiten.
Was ist aus Verbandssicht wichtig an Voraussetzungen, damit sich Ehrenamtliche gerade in der Gremien- und Vorstandsarbeit wertgeschätzt fühlen und die nötige Unterstützung erfahren?
Gemeinsames Arbeiten auf Augenhöhe, Einbindung in Entscheidungen, wertschätzende Kommunikation, Raum für eigene Vorschläge lassen. Und die Anerkennung muss ausgedrückt werden, dies sollte ein fester Bestandteil einer Verbandskultur sein.
Was tut der BTFB für die Wertschätzung ehrenamtlichen Engagements und wie wichtig sind Ehrungen wie der Vera Ciszak – Preis, den du ja mit initiiert hast?
Der BTFB besitzt eine Ehrungsordnung, nach der mögliche Ehrungen in Verein und Verband ausgesprochen werden können. Der Vera Ciszak-Preis wird sehr positiv gesehen, trotzdem erstaunt es mich, dass die Vereine nicht mehr Frauen nominieren. Ansonsten glaube ich, dass wir auch neue individuelle Ideen suchen müssen, jede und jeder Ehrenamtliche fühlt sich anders wertgeschätzt und geehrt. Manche mögen die goldene Nadel, andere eine Ehrengasteinladung für eine Veranstaltung oder eine Theaterkarte. Da ist aber noch Luft nach oben. Denn die Wertschätzung ist der Schlüssel zur Motivation und Bindung zur Verbandsarbeit.
Nachwuchsgewinnung im Ehrenamt ist insbesondere für die Vorstands- und Gremienarbeit schwierig. Welche Möglichkeiten siehst du, um Menschen dafür zu gewinnen?
Es müsste im Verband und in großen Vereinen eine hauptamtliche Person als Ehrenamtsbeauftragte geben, dies wäre mein Wunsch. Diese könnte sich um den ganzen Bereich kümmern. Als Ehrenamtliche selbst kann ich dies z.B. nicht leisten. Es gibt zahlreiche Probleme, auch auf Vereinsebene, beispielsweise rechtzeitig eine Übergabe an die nachfolgende Person vorzubereiten, Mitnahme und Einführung der Person in alle erforderlichen Themen. Die Aufgaben müssen zeitlich überschaubar sein, ggf. auf mehrere Schultern verteilt werden. Und für die langjährigen Amtsinhabenden: loslassen!
Stichworte sind auch: Aufgabenprofile erstellen, positive Aspekte hervorheben, Aufgabenbefristung vornehmen, Projektarbeit. Und noch immer sollte die persönliche Ansprache nicht vergessen werden.
Was würdest du jemandem sagen, um sie oder ihn für eine Mitarbeit in einem Gremium zu gewinnen?
Hast du zeitliche Kapazitäten und Lust, etwas zu bewegen? Dann fange einfach probehalber an, und schaue, ob es dir etwas gibt. Und überlege dir, wieviel Zeit du investieren kannst. Es erwarten dich interessante Begegnungen und positive Erfahrungen, wenn du dich darauf einlässt.
Was könnte die Politik, die Gesellschaft tun, um generell Ehrenamtliche zu unterstützen und mehr Leute fürs Ehrenamt zu gewinnen?
Vielleicht Bürokratieabbau. Ich habe noch immer die schriftlichen Anordnungen während der Coronazeit in Erinnerung, die die Vereine von den Bezirksämtern für die Nutzung der Sporthallen usw. erhielten. Obwohl ich einen Verwaltungshintergrund besitze, musste ich diese mehrfach lesen, um sie verstehen zu können. Ich glaube, dass so etwas auch teilweise abschreckend wirkt.
Was wäre noch zu sagen?
Auf jeden Fall DANKE an alle ehrenamtlich Engagierten in den Vereinen und im BTFB! Es beeindruckt mich immer wieder, wenn ich erfahre, wie viel Zeit in die Vereins- und Verbandsarbeit gesteckt wird!
Zur Person:
Karin Dohrmann, (72), BTFB-Vizepräsidentin Gleichstellung, Ehrenamt und Verbandsentwicklung, Standesbeamtin i.R.
Seit 2008 gehöre ich dem Präsidium an und betreue den Fachbereich Frauen. In den Jahren zuvor war ich als „helfende Hand“ bei Turnfesten, bei der Welt-Gymnaestrada in Berlin, der WM Rhythmische Sportgymnastik in Berlin und weiteren Events dabei.
Von 2001 bis 2003 nahm ich am DTB-Coaching-Projekt als Mentee teil, meine Vorgängerin Monika Theuner hatte mich angesprochen. 2005 fand das Intern. Turnfest in Berlin statt, dort arbeitete ich bei der Vorbereitung und Gestaltung des Fraueninfopoints intensiv mit. Seit 2006 gehöre ich dem DTB – Fachausschuss Personalentwicklung, Frauen und Gleichstellung an (heutiger Beirat und früherer DTB-Bundesfrauenausschuss) an. Dann folgte 2006/2007 ein Jahr intensiver Arbeit, als Projektleiterin des DTB/BTFB Pilotprojekts „Mentoring im BTFB“. Es folgte 2008 die Wahl ins BTFB – Präsidium für den Bereich „Frauen“ und 2024 die Wahl zur Vizepräsidentin Gleichstellung, Ehrenamt und Verbandsentwicklung.
Weitere Quellenangaben / Informationen zum Artikel:
Interview: Sonja Schmeißer | Foto: Juri Reetz
