Ehrenamtliches Engagement – die DNA der Sportvereine

Interview mit Prof. Dr. Sebastian Braun und Prof. Dr. Ulrike Burrmann von der Humboldt-Universität zu Berlin

 

(Dies ist die Langfassung des Interviews, das im BTFB-Verbandsmagazin BewegtBerlin, Ausgabe 1-2026 (März), erschienen ist.)

Prof. Dr. Sebastian Braun ist Universitätsprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin und dort Leiter der Abteilung Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte und Publikationen thematisieren u.a. ehrenamtliches und freiwilliges Engagement im Sport sowie Sportvereine und Sportverbände. Er ist u.a. ehrenamtliches Mitglied in der wissenschaftlichen Kommission des Landessportbundes Berlin und in der Jury „Sterne des Sports“ in Gold (Bundesebene) des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Prof. Dr. Sebastian Braun, Humboldt-Universität zu Berlin (Foto: Studio Monbijou)

Prof. Dr. Ulrike Burrmann ist Universitätsprofessorin an der Humboldt-Universität zu Berlin und dort Leiterin der Abteilung Sportpädagogik am Institut für Sportwissenschaft und der Abteilung Integration, Sport und Fußball am Berliner Institut für Empirische Integrations- und Migrationsforschung. Sie hat gemeinsam mit Sebastian Braun die aus Bundesmitteln geförderten Projekte zum Bürgerschaftlichen Engagement in Sportvereinen in ländlichen Räumen (BLEIB) und zur sportbezogenen Sonderauswertung der Freiwilligensurveydaten 2019 vorgenommen. Sie war zudem Mitglied im Projektbeirat des Freiwilligensurvey 2024.

Was hat Sie beide bewogen, sich in der Forschung mit dem Thema Ehrenamt zu beschäftigen?

Die Diskussionen über das ehrenamtliche Engagement sind u.a. eingebettet in breitere gesellschaftspolitische und wissenschaftliche Diskussionen über bürgerschaftliches Engagement, das vom ehrenamtlichen und freiwilligen Engagement über das soziale und karitative Engagement bis hin zu politischen Engagements in sehr unterschiedlichen Formen reicht. Wer sich wissenschaftlich mit bürgerschaftlichem Engagement befasst, der arbeitet an einem reizvollen Querschnittsthema, beispielsweise zu Fragen nach der sozialen und politischen Integration der Gesellschaft, dem Wandel des Wohlfahrtsstaates im Sinne einer sich wandelnden Aufgabenteilung zwischen staatlichen, zivilgesellschaftlichen Akteuren und Unternehmen, der politischen Partizipation in sich dynamisch verändernden Demokratien oder auch dem Wandel der Arbeitsgesellschaft mit einer Pluralität an Tätigkeitsformen. Viele dieser Themenfelder lassen sich sehr anschaulich am Beispiel der sich wandelnden Sport- und Bewegungskultur und speziell auch an Sportvereinen und Sportverbänden studieren. Und schließlich wird seit vielen Jahren über eine „Krise des Ehrenamts“ gesprochen, die zunehmend auch anhand von Zahlen im Sport sichtbar wird und die neben einer Ursachenforschung auch neue Wege zur Gewinnung und Bindung ehrenamtlich und freiwillig Engagierter braucht.

 

 

In Deutschland engagieren sich rund 30 Millionen Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich – was motiviert Menschen zum Ehrenamt im Sport?

Ehrenamtlich und freiwillig engagierte Sportvereinsmitglieder kombinieren vielfach unterschiedliche Motive. Sie wollen z.B. einer Gemeinschaft zugehören, dem Sport etwas zurückgeben, was sie als Kind an Unterstützung erfahren haben, und/oder sich persönlich verwirklichen. Die Orientierung an gemeinschaftlichen Normen und Werten und das Interesse an individueller Selbstverwirklichung müssen dabei keine widersprechenden oder konkurrierenden Werte darstellen. Nimmt man die Daten des Deutschen Freiwilligensurveys (FWS) 2014 und 2019, dann stimmten fast 95 % der Engagierten im Sport der Aussage „voll und ganz“ oder „eher“ zu, dass ihnen das Engagement Spaß macht. Knapp vier Fünftel der Engagierten stimmten dem Gemeinwesen bezogenen Item zu, „die Gesellschaft zumindest im Kleinen mitgestalten“ zu wollen. 2019 gaben knapp 76 % und 2014 sogar rund 84 % der im Sport Engagierten an, dass sie durch ihr Engagement vor allem mit anderen Menschen zusammenkommen möchten. eine höhere Zustimmung erhielt übrigens auch das Item, im Kontext des Engagements „wichtige Qualifikationen erwerben“ zu wollen (53 % im Jahr 2014 bzw. 55 % im Jahr 2019), wobei der Qualifikationserwerb von besonderer Bedeutung für jüngere Befragte und Personen mit familialer Einwanderungsgeschichte war.

 

 

Welche wesentlichen Erkenntnisse zum Thema ergeben sich aus ihrer gemeinsamen Studie „Bürgerschaftliches Engagement in Sportvereinen in peripher-ländlichen Räumen der neuen Bundesländer (BLEIB)“?

Im BLEIB-Projekt haben wir das Ziel verfolgt, strukturelle, organisationsbezogene und individuelle Rahmenbedingungen zu analysieren, die ein ehrenamtliches und freiwilliges Engagement in Sportvereinen in peripher-ländlichen Räumen in den neuen Bundesländern bedingen und restringieren. So zeigen die FWS-Daten, dass der Anteil an Engagierten im Sport von 2014 bis 2019 abgenommen hat, auf dem Land noch etwas stärker als in der Stadt. Angesichts dieser Befunde stellen sich u.a. Fragen nach der Gewinnung und Bindung von freiwillig Engagierten im organisierten Sport insgesamt und in ländlichen Sportvereinen in besonderer Weise. Dabei kommen in peripher-ländlichen Regionen Kompositionseffekte erschwerend hinzu. Die sozialstrukturelle Zusammensetzung der Bevölkerung ist auf dem Land nach wie vor eine andere als in der Stadt; das Durchschnittsalter der Einwohner*innen ist höher, der Anteil an Abiturient*innen und Menschen mit familialer Einwanderungsgeschichte geringer als in urbanen Räumen. Mit Blick auf Leitungsfunktionen im Sport zeigen die Daten, dass diese in der Stadt und auf dem Land überproportional häufig von Männern, Älteren sowie Personen mit gutem Einkommen übernommen werden. Zugezogene übernehmen in ländlichen Räumen seltener eine Leitungsfunktion als Alteingesessene, in urbanen Räumen ist dies eher umgekehrt.

Unsere Befragungen in den ländlichen Sportvereinen zeigen, dass die Engagementbereitschaft vor allem durch individuelle Merkmale der Mitglieder beeinflusst wird, wobei die Vereinsverbundenheit eine besonders wichtige Rolle spielt. Letztere ist auch für das individuelle Engagement, die Mitarbeitszufriedenheit und -bindung von hoher Bedeutung.

Zudem zeigen sich Zusammenhänge mit Vereinsmerkmalen, die von den Vereinen beeinflusst werden können. So steigt die Mitarbeitszufriedenheit mit einer von Engagementbereitschaft geprägten Vereinskultur. Die Mitarbeitsbindung steigt mit breitensportlichen Zielen in den Vereinen. Gleichzeitig sinkt sie mit zunehmenden Ehrenamtsproblemen im Verein.

Betrachtet man die Vorstandsmitglieder genauer, dann handelt es sich zumeist um langjährig und mehrfach in Vereinen und/oder in der Gemeinde engagierte Personen. Bestehende Netzwerke und Beziehungen mit unterschiedlicher Reichweite sind für ihr Engagement daher von hoher Relevanz. Freundschafts- oder Verwandtschaftsverhältnisse bzw. Doppelrollen von Vorstandsmitgliedern in Vereinen, Verbänden oder der Gemeindeverwaltung werden als förderliche Bedingungen von den befragten Vorstandsgruppen wahrgenommen. Gegenseitige Unterstützung erfolgt in den Netzwerken verlässlich und unbürokratisch.

Aus unseren Gruppendiskussionen werden auch Hindernisse für ein ehrenamtliches Engagement auf Vorstandsebene sichtbar, wobei v.a. auf vereinsinterne und -externe Unterstützung, Anerkennung, Verantwortung sowie Zeitmangel abgehoben wird. Die mangelnde vereinsinterne und -externe Unterstützung, die hohe (juristische) Verantwortung sowie die fehlende (materielle) Anerkennung werden von den Vorstandsmitgliedern für die (zunehmende) Unattraktivität ehrenamtlichen Engagements auf Vorstandsebene verantwortlich gemacht. Die Kombination dieser wahrgenommenen Barrieren und ein erlebter Zeitmangel sind nicht selten mit Zweifeln verbunden, ob das eigene Engagement begonnen oder beibehalten werden soll.

Im Gegensatz zu Frauen scheint es Männern eher zu gelingen, sich schon bei der Aufnahme eines Vorstandsamts über die Vereinbarungsproblematik hinweg zu setzen, während sich diese Problematik für Frauen bei einem Mangel an Unterstützer*innen zu einer tatsächlichen Barriere ihres Engagements auswächst. Die genannten Barrieren mögen nicht neu sein und lassen sich nicht nur bei Vorständen in peripher-ländlichen Sportvereinen finden. Sie können aber einen Hinweis darauf geben, warum das ehrenamtliche Engagement im Sport insbesondere in ländlichen Räumen in den letzten Jahren stärker zurückgeht als in urbanen Räumen.

Viele Menschen suchen heute Sinnhaftigkeit im Beruf, in ihren Freizeitaktivitäten, in sozialen Beziehungen – welche Bedingungen und Voraussetzungen sollten Vereine und Verbände bieten, um diese Einstellungen für die Gewinnung von Ehrenamtlichen nutzen zu können? 

Diese komplexe Frage lässt sich wiederum nur holzschnittartig und exemplarisch beantworten. Eine bedeutsame wissenschaftliche Diskussionslinie bezieht sich auf einen „Strukturwandel des Ehrenamts“ im Zuge des gesellschaftlichen Wertewandels. Dieser Wandel wird auch häufig unter den Begriffen „altes“ und „neues“ Ehrenamt verhandelt. Dabei reflektiert der Typus des „neuen Ehrenamtlichen“ vor allem den Nutzen, Wert und Sinn seines Engagements, während der Typus des „alten Ehrenamtlichen“ aufgrund einer affektiven Bindung an den Sportverein seine Handlungen primär an den Strukturen und Bedarfen der Organisation ausrichtet (z.B. aus Pflichtgefühl). In der Realität werden wir eher „Mischtypen“ finden und empirisch belegt ist dieser Strukturwandel bislang (noch) nicht. Gleichwohl ist davon auszugehen, dass typische Merkmale des neuen Ehrenamts immer breiteren Raum vor allem bei den gut ausgebildeten, jüngeren Generationen einnehmen dürften, die unter Bedingungen eines weit reichenden Wohlstands und Wertewandels aufgewachsen sind. In dieser Perspektive wird in jüngerer Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass die Vereine Strukturen aufbauen bzw. weiterentwickeln müssten, die den veränderten Ansprüchen und Bedarfen von engagierten und potenziell engagementbereiten Mitgliedern gerecht werden, indem ein größeres Passungsverhältnis zwischen Individuum und Organisation hergestellt wird. In dieser Argumentationsrichtung sind freiwillig und ehrenamtlich Engagierte keine kostengünstige Ressource, um Vereinsleistungen zu erstellen, sondern professionell zu begleitende Personen, die ihre persönlichen Kosten-Nutzen-Bilanzen anstellen, wenn sie ihre Zeit und ihr Wissen der Organisation spenden.

 

 

Wie hat sich Engagement – z.B. durch die Digitalisierung – verändert, geht der Trend wirklich zu kurzfristigeren Engagements, gibt es dazu Statistiken?

Der ZIVIZ-SURVEY 2023 beschreibt einen Trend, wonach sich das freiwillige Engagement zunehmend „informalisiere“; damit entferne es sich mehr und mehr von der klassischen Mitgliedschaft in einer Freiwilligenorganisation wie dem Sportverein. Zu vermuten ist, dass in bisherigen Studien das Ausmaß des freiwilligen Engagements in informellen Sportgruppen unterschätzt wird. Zahlreiche Bewegungen im Feld des Sports, die ihre Mobilisierungskraft aus Netzwerken moderner Medienvielfalt zu ziehen scheinen – von Laufbewegungen über Trend-, Fitness- und Gesundheitssport bis hin zu onlinebasierten Strukturen wie Home Workouts – können vielleicht auch so interpretiert werden, dass die informelle Selbstorganisation von Bürger*innen an Effektivität und Effizienz sowie an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnt. Allerdings ist auch darauf hinzuweisen, dass sich in der FWS- und der BLEIB-Studie für den Sportverein keine Hinweise auf einen Trend zu kurzfristigen Engagements finden lassen, denn viele der zumindest ehrenamtlich Engagierten tun dies über viele Jahre hinweg. Allerdings werden für Sportevents und -großveranstaltungen kurzzeitig viele freiwillig Engagierte benötigt. Dies eröffnet für die Engagierten die Möglichkeit, sich auszuprobieren und sich möglicherweise dann auch in anderen Bereichen im Sport längerfristig zu engagieren.

 

 

Welche Gründe nennen Menschen, die sich nicht engagieren wollen oder können?

Im FWS wurden diejenigen Personen, die im Sportbereich aktiv waren, sich jedoch in keinem gesellschaftlichen Bereich engagierten, nach den Gründen gefragt, warum sie sich nicht engagierten. Zeitliche Gründe wurden dabei mit Abstand am häufigsten genannt. Als nächste wichtigste Gründe folgten berufliche Gründe, das Motiv, keine Verpflichtung eingehen zu wollen, sowie familiäre Gründe. Insgesamt muss man allerdings auch festhalten, dass die Gründe, warum man ein ehrenamtliches und freiwilliges Engagement im Sportverein beendet hat oder warum man sich nicht engagiert, weitaus weniger erforscht sind als die Motive derjenigen, die sich freiwillig und ehrenamtlich engagieren.

 

 

Wie sehen Sie die gesellschaftliche Anerkennung ehrenamtlichen Engagements und wie wichtig ist die Wertschätzung im direkten Umfeld – im Verein, im Verband, in der Schule, im beruflichen Umfeld, in der Familie?

Hier können wir wiederum auf die Einschätzungen der Engagierten selbst zurückgreifen. Im letzten FWS wünschte sich jede*r zweite Engagierte im Sportbereich Verbesserungen hinsichtlich der Rahmenbedingungen ehrenamtlichen Engagements v.a. vom Staat. Konkret ging es dabei um den Versicherungsschutz, um steuerliche Absetzbarkeit und Freistellungen, um Information und Beratung, um die bessere Vereinbarkeit mit dem Beruf oder die Anerkennung der ehrenamtlichen Tätigkeit als Praktikum oder Ausbildung. Jede*r Dritte wünschte sich jedoch auch mehr Anerkennung der Tätigkeit durch Hauptamtliche oder durch Ehrungen.

 

 

Kommen nach Ihren Erkenntnissen die meisten Ehrenamtlichen selbst aus dem sportlichen Umfeld? Sollte man also im Sport aufgewachsen sein, um langfristig für ein Ehrenamt motiviert zu bleiben?

Der FWS liefert Daten zu der Frage, wie die engagierten Personen, die ihr zeitaufwendigstes Engagement im Sport ausübten, zu ihrem freiwilligen und ehrenamtlichen Engagement gekommen sind. Zwei Zugangswege scheinen dabei besonders relevant zu sein: einerseits die „persönliche Ansprache“ aus dem vermutlich sportbezogenen Umfeld; andererseits die „Eigeninitiative“ der Engagierten, im Sport Aufgaben auf freiwilliger Basis wahrnehmen zu wollen. So gaben mehr als die Hälfte der Engagierten an, dass sie gefragt wurden. Dabei gaben leitende Personen aus der Gruppe oder der Organisation, in der die freiwillig Engagierten später tätig wurden, oder aber Familienmitglieder, Freund*innen oder Bekannte, die dort bereits aktiv waren, offenkundig einen wichtigen Anstoß, um sich freiwillig zu engagieren. Berücksichtigt man zudem, dass im Jahr 2019 fast jede dritte Person mitteilte, dass Erfahrungen in der Familie den Anstoß für ein freiwilliges Engagement gaben, dann scheinen die Befunde insgesamt dafür zu sprechen, dass das unmittelbare soziale Bezugssystem der Freund*innen und Familie einen bedeutenden Einfluss hatten, um sich für ein freiwilliges Engagement im Sport zu entscheiden. Andererseits hoben etwa 40 % der Befragten hervor, dass sie ihr freiwilliges Engagement im Sportbereich aus „eigener Initiative“ begonnen hatten. Mit diesen beiden „Zugangswegen“ zum Engagement im Sport – der „persönlichen Ansprache“ aus dem Nahumfeld und der „Eigeninitiative“  ̶  erschöpfen sich dann aber offenbar auch weitgehend die Variationen der Gewinnung von Engagierten im Sport. So gaben z.B. im Jahr 2019 lediglich 7,9 % der Befragten an, den Anstoß in Schule, Hochschule oder Ausbildung erhalten zu haben, 5,4 % verwiesen auf eine Informations- oder Kontaktstelle und 4,8 % bekamen Hinweise aus den Medien oder dem Internet. Ein Weg, um weitere Zielgruppen für eine freiwillige und ehrenamtliche Tätigkeit zu gewinnen, könnten Eltern oder Großeltern von Kindern sein, die diese häufig zum Training und sportlichen Wettkampf begleiten. So können auch Personen angesprochen werden, die vielleicht noch nicht oder nicht mehr Mitglied in einem Sportverein sind. Dieses Potenzial wird eher seltener genutzt, wenngleich sich bereits viele Eltern freiwillig engagieren, in dem sie an Wettkampftagen Getränke und Waffeln verkaufen, Trikots waschen etc. Und nicht selten werden auch Tätigkeiten als Übungsleiter*in oder Betreuer*in in der Sportgruppe des Kindes übernommen. Aus kinderabhängigem Engagement könnte im Laufe der Zeit kinderunabhängiges ehrenamtliches Engagement werden.

Zur vielzitierten „Generation Z“ und ihrer Work-Life-Balance… Ein Argument: Wir haben bei kürzerer Arbeitszeit dann mehr Raum für sinnvolles ehrenamtliches Engagement – lang- oder auch kurzfristig, in Projekten oder Ämtern. Spüren Sie solche Tendenzen, lässt sich dazu in Studien schon etwas nachweisen?

Der Generation Z wird viel von außen zugeschrieben, wenngleich differenziertere empirische Befunde im Hinblick auf das ehrenamtliche und freiwillige Engagement speziell dieser Generation unseres Erachtens eher selten sind. Und eine Verkürzung der Arbeitszeit hat verschiedene Gründe, die nicht nur in der Person selbst liegen und auch nicht immer selbst gewollt ist. Das zeigen auch die älteren Befunde der FWS aus dem Jahr 2014: Teilzeitbeschäftigte Frauen engagierten sich etwas häufiger ehrenamtlich als vollzeitbeschäftigte Frauen, während vollzeitbeschäftigte Männer sich deutlich häufiger ehrenamtlich engagierten als teilzeitbeschäftigte Männer. Frauen ohne Beschäftigung (z. B. Schülerinnen, Arbeitslose, Rentnerinnen, Hausfrauen) waren relativ selten ehrenamtlich tätig, während Männer ohne Beschäftigung fast genauso häufig ehrenamtlich tätig waren wie berufstätige Männer. Inwieweit eine Verkürzung der Arbeitszeit zu mehr freiwilligem Engagement führt, ist also von den jeweiligen Lebensumständen abhängig.

Wenn Adressat*innengruppen angesprochen werden sollen, die sich bisher (auch) im Sportbereich weniger ehrenamtlich engagieren als andere, dann sind insbesondere Ältere mitzudenken. Bei den 14- bis 29-Jährigen lag die Engagementquote im Jahr 2019 bei 24 % der Frauen und 23 % der Männer, während sie bei den ab 65-Jährigen bei 12 Prozent bzw. 18 % lag. Allerdings zeigen sich gegenläufige Zeittrends. Während das Engagement in der jüngsten Kohorte zurückging, stieg es bei den Älteren an. Bleibt abzuwarten, was die neuesten FWS-Daten aus dem Jahr 2024 bei einer differenzierteren Analyse der ehrenamtlich und freiwillig Engagierten speziell im Sport zeigen. Der Sportentwicklungsbericht und die Move For Health Studie machen aber auch auf Defizite in den Beteiligungsmöglichkeiten von Jugendlichen aufmerksam. In vielen Sportvereinen gibt es keine Jugendvertretung oder Jugendsprecher*in, die sich für die Belange der Jugendlichen einsetzen und auch keine nennenswerten Beteiligungsmöglichkeiten von Jugendlichen. So fehlen wichtige Anreize, im Verein mitzugestalten und mitzubestimmen.

 

 

In welchem gesellschaftlichen Umfeld des Sports – Eltern, Schule, Ärzte, Social Media … – könnte man noch ansetzen, um Jugendliche für ein Engagement zu gewinnen?

Die Frage haben wir oben schon indirekt beantwortet: Nach wie vor spielt der traditionelle Modus der Gewinnung und Bindung von ehrenamtlich engagierten Mitgliedern die überragende Rolle, wenn es darum geht, Engagement im Sportverein zu mobilisieren: Erst wird nach einer längeren Sportvereinskarriere und der damit verbundenen emotionalen Bindung an den Verein das Mitglied durch persönliche Ansprache sukzessive gewonnen, anschließend wird über die intensivere Einbindung in die Vereinsgemeinschaft und Vereinskultur die dann ehrenamtlich und freiwillig engagierte Person längerfristig gebunden und ggf. auch noch durch Weiterbildungsmaßnahmen der Sportverbände für die entsprechende Aufgabe qualifiziert. Das ist ein sehr funktionaler Mechanismus für die Vereine, denn anders als in der Erwerbsarbeit sind es sehr selten monetäre Anreize, die die Menschen dazu bewegen, sich für den Verein zu engagieren. Bedeutsam ist in der Vereinspraxis vielmehr das Personenvertrauen, das über eine längere Zugehörigkeit zum Verein entsteht und das sicherstellt, dass man sich auf die Person verlassen kann. Ob dieses Rekrutierungsmodell künftig noch ausreicht, eine ausreichende Zahl an ehrenamtlich und freiwillig Engagierten in den Sportvereinen zu gewinnen und längerfristig an die Aufgaben zu binden, ist allerdings eine berechtigte Frage. Wenn wir über junge Menschen sprechen, gibt es auch viele, die im Jugendalter aus Sportvereinen austreten, weil sie z. B. keine Zeit oder keine Lust am bisherigen Sportangebot haben oder ihre Freunde nicht mehr im Verein sind, wie in der Move For Health Studie 2023 dokumentiert. Hier könnten Vereine Maßnahmen ergreifen, um diese Jugendlichen im Verein zu halten, mit einem anderen interessanten Sportangebot und/oder mit dem Angebot, sich freiwillig oder ehrenamtlich zu engagieren. Ein Austausch zwischen Vereinen und Verbänden, welche strukturellen Maßnahmen oder Pilotprojekte bereits existieren, die ggf. im eigenen Verein ausprobiert werden können, wäre hilfreich.

 

 

Gibt es Studien/Erfahrungen über veränderte Strukturen in der Vereins- und Verbandsführung?  

Um ehrenamtlich engagierte Funktionsträger*innen zu gewinnen und zu binden und damit eine zentrale vereinsökonomische und -kulturelle Ressourcen für die Vereinsarbeit zu erhalten, können und sollten die Vereine Strategien und Maßnahmen ergreifen. Damit fällt der Blick auf Potenzialdiskurse, die in jüngerer Zeit in der anwendungsorientierten Engagementforschung und engagementpolitischen Diskussionen der Sportverbände geführt werden. Thematisiert wird dabei ein engagementbezogenes „Personalmanagement“ in Vereinen, das dazu dienen soll, Gewinnungs- und Bindungsprozesse von freiwillig und ehrenamtlich Engagierten gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen anzupassen. Unterschiedliche Begriffe haben sich dabei in der Engagementforschung etabliert wie z.B. „Freiwilligenmanagement“ „Ehrenamtsmanagement“ oder „Engagement-Management“. Mit ihnen werden zwar jeweils unterschiedliche Akzente gesetzt; gemeinsam ist den Konzepten aber, dass sie auf Forschung über und Praxis in Wirtschaftsunternehmen Bezug nehmen, in denen die Gewinnung, Bindung und Qualifizierung von Personal zu jenen zentralen Steuerungsinstrumenten zählen, die dazu beitragen sollen, das Ressourcenpotenzial der Organisation zu erweitern, zu kanalisieren und zu erhalten. Solche Steuerungsinstrumente werden in der Vereinspraxis bislang eher selten implementiert, obwohl die Gewinnung und Bindung von Funktionsträger*innen ein zentrales und mitunter auch existenzbedrohendes Problem in der Vereinsarbeit wahrgenommen werden, das zeigen die Sportentwicklungsberichte immer wieder.

 

 

Ihr Fazit zu unserem Schwerpunkt Gremienarbeit/Vereinsvorstände – hat das Ehrenamt hier langfristig noch eine Perspektive?

Ehrenamtliches Engagement ist ein Bestandserhaltungsgebot der Sportvereine – zumindest so lange, wie der Verein eine freiwillige Vereinigung sein möchte. Der Sportverein vor Ort sollte insofern seinen vereinsstrukturellen und -kulturellen Markenkern einer zivilgesellschaftlichen Vereinigung stärken, in der zeitgemäße Formate zur gemeinschaftlichen Selbstorganisation der Mitglieder handlungsorientierend ist. Die Praxis bürgerschaftlicher Selbstorganisation zeigt sich einerseits im ehrenamtlichen und freiwilligen Engagement in Gestalt von Zeit- und Wissensspenden der Mitglieder und andererseits in der kontinuierlichen Aushandlung und Vereinbarung von Vereinszielen und -aktivitäten im Rahmen demokratischer Willensbildung und Entscheidungsfindung.

Insofern bildet die gemeinschaftliche Selbstorganisation der Mitglieder die Grundlage dafür, dass der Sportverein kontinuierlich und flächendeckend Sport- und Bewegungsaktivitäten erstellen kann. Diese Bedingungen der Möglichkeit entstehen im Sportverein nicht nur beiläufig. Vielmehr sollten entsprechende Gelegenheitsstrukturen absichtsvoll in der Vereinsarbeit weiterentwickelt werden, um in einer zeitgemäßen Vereinsstruktur und -kultur für Mitgliedschaften, Engagement und Partizipation attraktiv zu bleiben.

 

 

Was wünschen Sie sich auf lange Sicht für die Stärkung des Ehrenamts im Sport?

Da kann man direkt an das vorher Gesagte anknüpfen und fragen, wie es um Gelegenheitsstrukturen in Sportvereinen steht, Selbstorganisation zu ermöglichen und zu fördern. Um nur einige exemplarische Fragen zu stellen: Welches intentionale Verständnis ist zielführend, um Vereinsstrukturen und -kulturen mitgliederorientierter Selbstorganisation gezielt und systematisch zu entwickeln? Können sich die Vereinsmitglieder in passenden Strukturen der Vereinspolitik folgenreich engagieren? Werden jugendliche Mitglieder ermutigt und unterstützt, sich im Sportverein so zu verhalten, dass sie angemessen und kompetent agieren können? Werden relevante Informationen über Vereinsstrukturen und -kulturen im Sportverein wie z.B. Regeln, Verfahren, Routinen, Verflechtungen etc. transparent zur Verfügung gestellt, dass Partizipationschancen auch tatsächlich wahrgenommen wie auch Zielen und Vorstellungen im Verein Gewicht verliehen werden können?

Beispielsweise ist davon auszugehen, dass Geselligkeit in der Vereinspraxis dazu beiträgt, vereinspolitische Willensbildung zu betreiben und Entscheidungen vorzubereiten. Sinnvoll und zeitgemäß könnte es darüber hinaus aber auch sein, die etablierten Formate vereinsinterner Geselligkeit durch digitale Formate zu ergänzen, in denen alternative Formen des geselligen Austauschs, der kontroversen Debatte und der gemeinschaftlichen Ideenentwicklung für die Vereinszukunft ermöglicht, erprobt, evaluiert und immer wieder an Mitgliederinteressen und gesellschaftliche Veränderungen angepasst werden. Und letztlich wünschen sich die Ehrenamtlichen – wir haben bereits darüber gesprochen – v.a. eine Anerkennung und Würdigung ihrer Tätigkeit und keine Überfrachtung der eigentlichen Tätigkeit durch zu viel bürokratischen Aufwand. Die Anforderungen an freiwillig und ehrenamtlich Engagierte haben in den letzten Jahren aber offenkundig zugenommen. Vereine und Verbände haben neue Qualifizierungsthemen und -formate sowie Beratungsangebote auf den Weg gebracht. Jede*r vierte Engagierte hält Aus- und Weiterbildungen für notwendig. Sie müssen allerdings auch die Zeit finden und Anreize haben, um an diesen teilzunehmen.



Weitere Quellenangaben / Informationen zum Artikel:
Interview: Sonja Schmeißer und Gritt Ockert | Fotos: Studio Monbijou, privat Montage: BTFB