Die RSG in Berlin – eine Geschichte des Aufbaus

Interview mit Uta-Susanne Müller, TK-Vorsitzende RSG im BTFB

 

(Dies ist die Langfassung des Interviews, das im BTFB-Verbandsmagazin BewegtBerlin, Ausgabe 2-2026 (Juli), erschienen ist.)

Uta-Susanne Müller, TK-Vorsitzende RSG im BTFB (Foto: Dirk Zimmermann)

Uta-Susanne Müller,

BTFB-Präsidialratsmitglied und TK-Vorsitzende Rhythmische Sportgymnastik, seit 1992 Fachwartin für RSG im BTB/BTFB, bis 2025 Vorsitzende des Technischen Komitees RSG im DTB

 

Uta, worin besteht für dich die „Faszination RSG“?

Vor allem in der komplexen Anforderung an die Gymnastin. Sie sollte auf der Fläche eine Geschichte anhand einer Musik erzählen und dabei das Publikum durch ihre Ausdrucksstärke, ihre Eleganz begeistern, gleichzeitig die Kampfrichter durch ihre Geschicklichkeit und ihre Beweglichkeit überzeugen. Es braucht zudem ein gewisses schauspielerisches Talent – und alles soll elegant und spielerisch wirken. Das alles zusammen fasziniert mich.
Und die Gymnastin sollte ihre Leistung nicht für ihre Eltern oder für ihre Trainerin erbringen, sondern für sich selber. Das finde ich sehr, sehr wichtig.

 

Du hast die Entwicklung der Berliner RSG seit Beginn der 90er Jahre mit gestaltet und geprägt. Was waren wichtige Meilensteine zur heutigen Erfolgsbilanz?

Es war eine lange, aber sehr erfolgreiche Aufbaugeschichte. Beim Start in den frühen 90er Jahren gab es West-Ost-Strukturen, das musste erst zusammenfinden. Ein erster großer Schritt war die Gründung des Landesleistungszentrums Paul-Heyse-Straße, mit Trainerinnen wie Barbara Rothenburg, Claudia Marx und später Rosemarie Haubrich.

Ein echter Entwicklungsschub kam, als Dr. Katja Kleinveldt als Trainerin nach Berlin kam. Sie hat als Verbandstrainerin den Kontakt zur Poelchau-Schule, Eliteschule des Sports, angestoßen und es war ihre Initiative, den Olympiapark als Trainingsstandort zu erschließen, unter anderem mit dem Kuppelsaal. Damit wurden die Voraussetzungen geschaffen, Bundesstützpunkt zu werden – ein Ziel, dass ich schon seit den 90er Jahren vor Augen hatte. Es war dann noch ein langer Weg mit einigen Hürden, bis wir 2017 Bundesstützpunkt wurden. Katja Kleinveldt, die mit ihren Ideen und ihrer Dynamik immer ein Stück voraus ist, und unsere Landestrainerin Alexandra Faber haben daran großen Anteil. Unterstützung kam auch vom Direktor der Poelchau Schule, und ein Motor war in all diesen Jahren auch der ehemalige Geschäftsführer des BTFB, Jens-Uwe Kunze.

 

Sportliche Erfolge gab es aber von Beginn an?

Berlin war über all die Jahre sportlich stark. Wir hatten seit Anfang der 90er Jahre insgesamt ca. 90 Bundeskader-Gymnastinnen, hatten Olympia-, WM- und EM-Teilnehmerinnen. Es gab kaum eine Gruppe der Nationalmannschaft, in der nicht mindestens eine Gymnastin aus Berlin dabei war.

Die Krönung dieser Entwicklung waren im vorigen Jahr der WM-Titel im Team für Anja Kosan und Helena Ripken und EM-Bronze mit der Gruppe für Helena und Neele Arndt. Und wir alle drücken Anja und Helena ganz fest die Daumen für die Heim-WM im August in Frankfurt!

 

Wie sieht die Struktur heute aus?

Derzeit arbeiten am Bundesstützpunkt drei hauptamtliche Trainerinnen, Sonja Kujawski, Katja Kleinveldt als Lehrer-Trainerin, sowie die ungarische Trainerin Adrienne Tettamanti, außerdem eine Ballettmeisterin und weitere Übungsleiter punktuell. Alexandra Faber kümmert sich als Landestrainerin stärker um den Nachwuchs in den Vereinen. Wir haben zwei Turntalentschulen, „Spreekids“ und Bärlinchen“, die jeweils auch mit einem Vertreter dem TK RSG angehören.

Aber ganz wichtig für die gesamte Entwicklung ist die breite Vereinsbasis. Die Vereinslandschaft verändert sich auch, aber wir haben immer 10 bis 12 Vereine, die mit ihrer engagierten, in weiten Teilen ehrenamtlich geleisteten, Nachwuchsarbeit die Grundlagen schaffen und vielen RSG-begeisterten Mädchen eine sportliche Heimat geben.

 

Welche Aufgaben hat das Technische Komitee RSG, dessen Vorsitzende du bist?

Das TK RSG sorgt organisatorisch, fachlich und strukturell dafür, dass die Rhythmische Sportgymnastik in Berlin funktioniert und sich weiterentwickelt. Dazu gehören u.a. die Bereiche Wettkämpfe – planen, koordinieren und organisieren, gemeinsam mit den Vereinen -, Aus‑ und Fortbildungen von Trainerinnen und Kampfrichterinnen, weiterhin die Bereiche Turntalentschulen und Kinderschutz. Das TK fungiert als Bindeglied zwischen Verband und Vereinen und koordiniert die Zusammenarbeit. Es geht auch darum, die ehrenamtliche Arbeit zu strukturieren, da alles nur mit der Unterstützung vieler Ehrenamtlicher, Helfender und auch Eltern umsetzbar ist.

 

Die Themen Trainer- Athleten-Verhältnis und Kinderschutz sind im TK verankert, auch im Verband und am Bundesstützpunkt gibt es entsprechende Strukturen. Warum ist das so wichtig?

Weil es generell ein wichtiges Thema im Sport ist, aber vor allem, weil wir es in unserer Sportart mit sehr jungen Mädchen zu tun haben, die viel Zeit beim Training und mit ihren Trainerinnen und Trainern verbringen. Es geht darum, alle Gymnastinnen, egal wie alt sie sind, als gleichberechtigte junge Menschen zu sehen, die auch einen bestimmten Anspruch haben. Und die dürfen wir Erwachsene nicht herabsetzen, auch nicht durch Worte. Es ist wichtig, immer wieder zu schulen, die Trainer, die Kampfrichter, auch die Eltern, alle Beteiligten – auch, um entstandene Unsicherheiten im Umgang miteinander zu beseitigen und den Aktiven, aber auch den Trainerinnen und Trainern, Sicherheit zu geben.

 

Welche Rolle spielen die vielen Wettkämpfe und Events für die Entwicklung der Sportart in Berlin?

Eine sehr wesentliche, zumal unsere RSG-Veranstaltungen in den letzten 30 Jahren viel dazu beigetragen haben, dass Berlin als „RSG-Hochburg“ gilt. Das begann mit der großartigen RSG-Weltmeisterschaft 1997 in Berlin und setzte sich mit den ab 2001 folgenden 17 Berlin Masters-Turnieren fort. Die Mitarbeit in den Vorbereitungsteams dieser Events zählt zu meinen schönsten RSG-Erlebnissen in all den Jahren. Heute gehören Veranstaltungen wie das Berlin Team Masters, Landesmeisterschaften und die Wettkämpfe dieses Jahres 2026 in Berlin zu den Veranstaltungshöhepunkten.

Nicht zu vergessen die Deutsche Turnliga RSG, die aus unserer Berliner Initiative entstand und sich bundesweit zu einem sehr beliebten und attraktiven Format entwickelt hat.

 

Das große Finale zum Saisonabschluss findet in diesem Jahr bei uns in Berlin statt…

Ja, und das wird am 28. und 29. November ein richtiges RSG-Festival-Wochenende! Zum Finale der Deutschen Turnliga erwarten wir die gesamte deutsche Spitze um Olympiasiegerin Darja Varfolomeev, dazu europäische Top-Gymnastinnen aus Ländern wie Italien, der Ukraine oder Bulgarien.

Darüber hinaus sind wir auch Ausrichter der Qualifikation für die Jugend-Europameisterschaft in der Gruppe und für einen Nachwuchswettkampf für 11- und 12-Jährige Gymnastinnen. Für beide Formate hoffen wir natürlich auf unsere erfolgreichen Berliner Gruppen und Mannschaften, die daran teilnehmen – und auf ein zahlreiches Publikum!

 

Was wünschst du dir für die Zukunft der Sportart?

Zunächst natürlich eine schöne und erfolgreiche Heim-WM in Frankfurt und dadurch mehr mediale Aufmerksamkeit. Für die RSG, den Bundesstützpunkt, wünsche ich mir mehr finanzielle Unterstützung und für die vielen fleißigen Trainerinnen in den Vereinen genügend Hallenzeiten. Und insgesamt eine erfolgreiche innovative Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten.



Weitere Quellenangaben / Informationen zum Artikel:
Interview: Sonja Schmeißer | Foto: Dirk Zimmermann