Das Beste geben und Spaß daran haben

Die Berliner Gymnastinnen Anja Kosan (22, SC Siemensstadt) und Helena Ripken (19, VfL Zehlendorf) sind Team-Weltmeisterinnen 2025 in der Rhythmischen Sportgymnastik. Mit der deutschen Gruppe belegten sie in Rio de Janeiro Rang 8, das gemeinsame Ergebnis mit den Einzel-Starterinnen, Weltmeisterin Darja Varfolomeev und Anastasia Simakova, bedeutete Gold für das DTB-Team.
Sonja Schmeißer und Gritt Ockert erreichten die beiden per Video-Schalte an ihrem Trainingsort am Bundesstützpunkt Schmiden. Inzwischen wurden Anja und Helena (für WM-Gold mit dem Team) sowie Neele Arndt (für EM-Bronze 2025 mit der Gruppe) als Team für die Champions-Wahl zur „Berliner Mannschaft des Jahres“ nominiert.
Zum Einstieg die Frage, die wir allen stellen: Wie definiert ihr Leistung für euch selbst?
Helena: Leistungssport bedeutet für mich, täglich mit Leidenschaft und Disziplin an meinen Zielen zu arbeiten und trotz Rückschlägen über Grenzen hinauszugehen und das Beste aus mir herauszuholen.
Anja: Ich würde ergänzen, dass man das Ziel hat, sich jeden Tag zu verbessern, aber trotzdem daran Spaß hat. Also beim Leistungssport ein Ziel vor Augen hat – im Gegensatz zum Breitensport, den man vielleicht einfach nur aus Spaß macht.
Was ist euch bei der WM in Rio in dem Moment durch den Kopf gegangen, als ihr erfahren habt, dass ihr den WM-Titel im Team gewonnen habt?
Anja: Zuerst hatte ich diese Teamwertung gar nicht auf dem Schirm. Dann sind wir von der zweiten Übung von der Fläche gekommen und irgendjemand sagte, das ist Team-Gold! Das war eine Riesen-Überraschung!
Helena: In dem Moment habe ich auch gar nicht an die Teamwertung gedacht, weil ich so fokussiert auf unsere Übungen war. Als dann irgendwann unser Team erwähnt wurde, war das so krass! Es war ziemlich überwältigend, wenn man auf einmal „Gold“ hört!
Anja war schon Vizeweltmeisterin. Helena, für dich ist es ganz neu, in der Weltspitze zu sein. Wie ist jetzt so dein Gefühl
Helena: „Okay, krass, ich bin Weltmeisterin geworden“ – das hört sich schon noch ungewohnt an. Weil ich noch neu dabei bin, es ist irgendwie unbeschreiblich! Dafür hat man ja trainiert und es war auch immer das Ziel. Wenn man dann an der Spitze mitturnen darf und das erleben darf, ist das einfach toll.
Wo seht ihr als Gruppe eure Reserven, um vielleicht von Platz 8 noch eins, zwei Plätze weiter vorzukommen?
Anja: Auf jeden Fall müssen wir an Kleinigkeiten arbeiten wie an Übergängen und auch an den Fangarten – zum Beispiel Fangen ohne Hände oder außerhalb des Gesichtsfeldes. Das muss sicherer werden, damit wir dann auch selbstbewusster auf die Fläche gehen können. Gerade erstellen wir neue Übungen, weil es neue Gerätekombinationen gibt mit 5 Bällen sowie mit 3 Reifen und 2 Paar Keulen. Das ist immer eine schöne, kreative Zeit, die neuen Choreografien gemeinsam zu entwickeln und zu trainieren.
Pushen Darjas Erfolge?
Helena: Ja, auf jeden Fall. Das gibt nochmal mehr Motivation und sie ist so ein positives Beispiel für die Sportart. Weil wir hier oft „Fläche an Fläche“ zusammen trainieren und man merkt, dass da viel Ehrgeiz hinter steht, will man auf jeden Fall mitziehen. Als Team sieht man ja, dass da auch eine Medaille drin sein kann, wenn wir alle zusammen alles geben.
Anja: Und in den letzten Jahren ist die öffentliche Aufmerksamkeit für die RSG durch sie auf jeden Fall gewachsen. Heute hört man öfter: Das ist doch die Sportart, wo Eine neulich Olympiasiegerin geworden ist …
Charakterisiert doch mal kurz die Gruppe. Und wer ist eigentlich Kapitänin
Anja: Unsere Altersspanne ist relativ groß: Olivia Falk ist die jüngste mit 15 Jahren und ich bin die Älteste mit 22 Jahren. Zur Gruppe sind auch Gymnastinnen wie Melanie Dargel gekommen, sie schon sehr gut im Einzel waren. Sie bringen ihre Stärken mit ein, wir wissen, wie es in der Gruppe funktioniert und so können wir sehr gut voneinander lernen.
Und: Wir haben letztes Jahr entschieden, dass es keinen Kapitän gibt, sondern dass alle was beitragen.
Helena: Das war auch deshalb eine gute Entscheidung, weil wir neu zusammengesetzt wurden. Ein bisschen die Aufgaben zu teilen und so zusammenzuwachsen, das hat dieses Jahr echt gut geklappt. Deswegen wollen wir das auch so weiterführen.
Ist es ein Vorteil, dass eure Trainerin Camilla Pfeffer selbst Gymnastin in der Gruppe war
Anja: Ja, weil sie auch weiß, wie man tickt und dass die Gruppe auf einer Wellenlänge sein muss. Und dass es auch diese Höhen und Tiefen gibt, wenn eine mal in der Gruppe rausfällt oder wenn eine mal keinen guten Tag hat. Dass es wichtig ist, die Person dann auch wieder mit reinzuholen
Helena: Ich glaube, weil sie selbst Gymnastin war, kann sie viel besser nachempfinden, wie wir uns fühlen und sie kann auch das Training optimieren, weil sie besser auf uns eingehen kann.
Wie sieht euer Alltag normalerweise aus?
Helena: Meistens ist es so, dass wir von 7 Uhr bis 9.30 Uhr Frühtraining haben und dann gehen die Jüngeren in die Schule. Ich zum Beispiel habe jetzt ein Fernstudium der allgemeinen Bildungswissenschaften begonnen. So um 14 Uhr oder 15 Uhr fangen wir meistens mit dem Nachmittagstraining an und das geht bis 19 Uhr oder 20 Uhr. Danach hat dann noch jeder 20 Minuten Physiotherapie und dann ist ja auch schon der Tag vorbei. Samstags haben wir normalerweise frei.
Wie ist es mit euerer Verbindung zum Heimatverein
Helena: Mit dem Bundesstützpunkt in Berlin, wo ich die letzten Jahre war, habe ich noch regelmäßig Kontakt, gerade über Social Media wie Instagram. Und wenn ich mal ein Heimwochenende habe, bin ich auch gern in der Halle, um die Mädels mal wieder zu sehen
Anja: Also ich habe den Kontakt zum SC Siemensstadt, aber auch zum Bundesstützpunkt, also auch zu den Mädels und zu den Trainern, vor zu Sonja Kujawski. Früher haben wir noch zusammen trainiert, jetzt ist sie Trainerin. Letztes Mal, als ich da war, haben alle Mädels ihre Handys rausgeholt und wollten Fotos machen. Es ist schon schön, dass es unsere Leistungen gewürdigt und dass die Erfolge gesehen werden.
Vermisst ihr Berlin?
Helena: Also die Familie schon und gerade in der Wettkampfphase, wenn man weniger Heim-Wochenenden hat. Aber dadurch, dass man hier die besten Möglichkeiten hat zu trainieren und hier einfach alles mega nett ist – ob die Mannschaft, die Mädels oder das ganze Team – ist das hier auch mega schön und macht Spaß.
Anja: Ich bin jetzt vier Jahre hier. Im ersten Jahr fand ich es besonders schwierig. Da hat man dann das Zuhause mehr vermisst, vor allem, wenn man mal stressige Zeiten hatte. Aber mittlerweile, wo wir alle so gut befreundet sind, klappt das auch richtig gut. Wir wohnen alle in der Nähe von der Halle, Heli im Internat und ich in einer Wohnung, die vom Schwäbischen Turnerbund bereitgestellt wird.
Was die Motivation zur Leistung angeht, so ist eine Voraussetzung, dass euch eure Sportart gefällt
Helena: Ich mache ja den Sport, seit ich ganz klein bin. Ich habe mit 4 Jahren angefangen, meine erste Trainerin war Josephine König vom VFL Zehlendorf. Ich liebe RSG, weil es einfach eine Mischung aus Tanz, dem Gerät und verschiedener Akrobatik ist. Es ist so vielseitig. Mit den ganzen neuen Übungen jedes oder jedes zweite Jahr und den verschiedenen Musiken und Anzügen – das ist so eine vielfältige Kombination, die mir sehr viel Freude bereitet und Abwechslung reinbringt
Anja: Ja, das trifft auch für mich zu. Ich habe mit 6 Jahren angefangen, meine erste Trainerin war Tamara Ewert vom SC Siemensstadt. Jedes Training gibt mir die Möglichkeit, mich zu verbessern und es wird nie langweilig. Also jeden Tag kann sagen, heute will ich dies verbessern, heute will ich das verbessern. Das ist noch mal so eine gute Vielfalt.
Ist es aus eurer Sicht einfacher oder schwieriger als im Einzel, in der Gruppe beste Leistungen zu erreichen
Helena: Beides ein bisschen. Wenn wir zu fünft auf der Fläche stehen, ist die Aufregung nicht zu groß. Es ist es leichter und man fühlt sich nicht so allein. Auf der anderen Seite ist es auch schwerer, weil alle Fünf gleichzeitig die Leistung abrufen müssen und man sich aufeinander verlassen muss. Das ist schon eine große Herausforderung
Anja: Ja, das sehe ich ganz genauso. Leichter fällt es, wenn die anderen helfen, wenn es einem selbst vielleicht gerade nicht so gut geht. Andererseits ist genau das für die anderen vielleicht schwierig, weil sie mehr auf die Person achten müssen. Also es hat beides seine Vor- und Nachteile.
Wie fangt ihr jemanden auf, wenn grobe Fehler wie ein Gerätverlust im Wettkampf passieren
Helena: Wenn sowas passiert, probieren wir, die Person zu beruhigen. Ich kenne es von mir selbst: Wenn man Fehler macht, dann fühlt man sich so schuldig, weil man irgendwie für die anderen mitverantwortlich ist. Aber wir sind da einfach alle entspannt und sagen: Komm, das hätte jeder passieren können. Wir fangen uns eigentlich als Team echt gut auf. Es ist eben eine extrem schwierige Sportart und Fehler können so schnell passieren. Wenn man sich gegenseitig ein gutes Gefühl gibt, kann man auch besser weiter trainieren und die nächsten Wettkämpfe turnen
Anja: Bei manchen Gruppen aus anderen Ländern sieht man manchmal, dass die Gymnastinnen sich dann so böse gegenseitig angucken… Dann sind wir schon glücklich, dass es bei uns nicht so ist. Fehler macht keiner mit Absicht. Und wir probieren natürlich immer alle, unser Bestes zu geben.
Ihr seid jetzt nicht mehr in der Schule, aber das ist in der sportlichen Laufbahn ja auch ein wichtiger Faktor, um Höchstleistungen erbringen zu können.
Helena: Wir beide haben in Berlin unsere Schule absolviert. Ich habe dieses Jahr Abitur gemacht und ich hatte das Glück, dass die Poelchau-Schule mich hat online unterrichten lassen. Für die Abiturvorbereitungswoche und die Abiturklausur bin ich dann nach Berlin gefahren und konnte das Schuljahr so beenden. Wenn meine Schule in dieser Zeit nicht so kooperativ gewesen wäre, hätte ich jetzt den WM-Titel nicht erleben dürfen. Dafür bin ich auch sehr dankbar.
Wird es aus eurer Sicht genug gewürdigt, wenn sich jemand wie ihr explizit auf Leistung fokussiert
Anja: Ich habe das Gefühl, dass es schon gewürdigt wird. Aber viele wissen gar nicht oder können gar nicht nachempfinden, wieviel Arbeit und vor allem auch Zeit hinter den Leistungen stecken. Gerade in unserer Sportart, die viele auch gar nicht kennen – oder kannten…
Helena: Mit Dasha hat sich das natürlich jetzt schon deutlich gebessert. Aber ich glaube trotzdem, dass viele nicht so das Gefühl dafür haben, was wir da eigentlich investieren.
Was kommt denn an Wettkämpfen noch vor der Heim-WM im August 2026 in Frankfurt
Helena: Ganz schön viel… Unsere Saison beginnt mit „Gymnastik International“, also wieder mit dem Wettkampf hier in Schmiden. Danach folgen alle World Cups, weil es jetzt eine neue Regelung gibt, dass man sich darüber auch schon für Olympia qualifizieren kann. Dann folgen auch Grand Prix Turniere oder World Challenge Cups und natürlich die Höhepunkte mit der EM – und dann die Weltmeisterschaften.
Was nehmt ihr auch für die WM vor
Helena: Auf jeden Fall wollen wir das Beste zeigen, was wir können und was wir trainiert haben. Wir wollen den Moment genießen. Bei einer Heim-WM turnen zu dürfen, ist einfach was ganz Besonderes. Dann wäre es natürlich noch toll, wenn wir die Top 8 erreichen und uns da vielleicht sogar noch mal um einen Platz verbessern
Anja: Ein Finalplatz wäre auch echt schön, vor allem weil es zu Hause ist und man dann zweimal vor dem heimischen Publikum turnen darf. Da sind ja dann auch unsere Familien da und viele, die uns kennen, das ist schon auch ein bisschen aufregend.
Seid ihr aktiv auf Social Media
Helena: Es geht, mal mehr oder weniger. Wenn große Wettkämpfe sind, dann machen wir öfter eine Story oder wir zeigen, wo wir sind und was wir machen. Wir verbringen ansonsten eher nicht den ganzen Tag mit Bloggen…
Hat eure Gruppe ein Maskottchen oder seid ihr dafür zu alt
Helena: Wir haben keins und zu alt wären wir dafür nicht. Wenn was Passendes kommen würde, dann haben wir eins … Das hat sich im ersten Jahr irgendwie noch nicht so entwickelt
Anja: In der alten Gruppe hatten wir auch erst im dritten Jahr Maskottchen. Also das kommt bestimmt noch.
Und was ist mit Glücksbringern oder einem Ritual vorm Wettkampf
Anja: Ich fasse mir vor dem Wettkampf immer ans Ohr. Dann konzentriere ich mich nur auf den Ohrring und lenke meine Aufmerksamkeit damit kurz auf was anderes
Helena: Ich habe beim Wettkampf immer das gleiche kleine Handtuch dabei, das ich brauche, bevor ich auf die Fläche gehe.
Letzte Frage: Wenn ihr Wunsch frei hättet, was würdet ihr euch wünschen
Anja: Frieden auf der Welt. Weil ich finde, im Sport ist es schon eher so, dass jeder mit jedem gut kann. Wenn es um Politik oder noch weiter um die Welt geht, würde ich mir auch wünschen, dass alle sich gut verstehen.
Helena: Ich würde mir generell Gesundheit wünschen, für meine Familie und für alle. Dass man sorglos durchs Leben gehen kann. Das ist mit das Wichtigste neben Frieden, dass man gesund ist.
Weitere Quellenangaben / Informationen zum Artikel:
Das Interview führten Sonja Schmeißer und Gritt Ockert | Foto: DTB/Tom Weller (RSG-WM), privat

