Durch die RSG habe ich viel über mich gelernt
Was sie an ihrer Sportart fasziniert und welche Erfahrungen aus ihrer aktiven RSG-Laufbahn Nathalie Köhn heute als Trainerin bei ihrer Arbeit helfen, sagt sie in Ausgabe 2-2026 des Verbandsmagazins BewegtBerlin.
Zur Person
Nathalie Köhn (25) war von 2015 – 2022 Mitglied/Kapitänin der Nationalmannschaft Gruppe; EM-, WM- und OS-Teilnehmerin. Sie ist Trainerin einer JWK-Gruppe (AK 13-15) beim 1. VfL FORTUNA Marzahn.

Die Frage, die wir allen in der Ausgabe stellen: Warum ausgerechnet RSG? – Was ist so faszinierend an der RSG?
Die RSG fasziniert mich hauptsächlich deshalb, weil ich damit schon als Kind angefangen habe. Mit sieben Jahren bin ich vom Ballett über die Show- und Tanzgruppe vom 1. VfL FORTUNA Marzahn zur RSG gekommen. Beate Giese hatte ein Sichtungstraining veranstaltet und dann habe ich mich Schritt für Schritt immer mehr in diese Sportart verliebt.
Sie ist super komplex und fordert viele verschiedene Bereiche wie die verschiedenen Elemente, die Schwierigkeiten, die Beweglichkeit, die Verkörperung der Musik aber auch die Gerätetechnik.
Die Geräte sind alle so unterschiedlich und mit jedem kann man verschiedene Stile umsetzen und verkörpern. Es ist einfach sehr schwierig, die Geräte unter Kontrolle zu bekommen. Diese Kunst zu erlernen, wollte ich unbedingt können.
Die wichtigste Station meiner Laufbahn waren vor allem der Beginn beim 1. VfL FORTUNA Marzahn. Von dort aus bin ich zum Bundesstützpunkt Berlin gekommen, wo ich die Poelchauschule besuchte. Von dort aus habe ich an vielen Sichtungstrainings bei der deutschen Nationalmannschaft in Schmiden teilgenommen und es dann auch geschafft, dort angenommen zu werden. 2016 war ich sehr oft am Nationalmannschaftszentrum in Schmiden, um mich mit der Gruppe auf die Olympischen Spiele vorzubereiten. Nach den Olympischen Spielen bin ich ein fester Teil der deutschen Nationalmannschaft Gruppe geworden, wurde 2020 sogar Kapitänin der Gruppe. Das war ein schöner Schritt für mich.
Ich hatte viele wunderschöne in „Sternstunden“ an verschiedenen Orten. In Berlin wurde ich über Jahre hinweg Berliner Meisterin, oftmals auch mit allen Geräten und im Mehrkampf. Ich habe mehrfach Medaillen bei Deutschen Meisterschaften gewonnen.
Was mir auch immer in Erinnerung bleiben wird, sind die vielen Showauftritte beim Berlin Masters in der Max-Schmeling-Halle. Dort habe ich mehrfach meine Übungen turnen dürfen sowie auch große Shows mit meinen Mit-Gymnastinnen. Dann, 2016, durfte ich sogar am richtigen Wettkampf teilnehmen.
Eine weitere Sternstunde war meine Aufnahme in die deutsche Nationalmannschaft Gruppe. Dort die ersten internationalen Wettkämpfe zu erleben war ein unglaubliches Gefühl, an das man sich nie irgendwie wirklich gewöhnt hat, egal wie viele Wettkämpfe man hatte. Und dass ich zu den Olympischen Spielen 2016 mitfahren durfte, war für mich auch eine große Ehre und ein unvergesslicher Moment.
Jetzt als Trainerin war für mich ein wundervoller Moment, das erste Mal mit meiner Gruppe Berliner Meister geworden zu sein und es dann auch geschafft zu haben, beim Deutschland Cup zu gewinnen. Umso unglaublicher, dass wir auch dieses Jahr wieder Berliner Meister und Deutscher Meister geworden sind. Es ist für mich wunderschön zu sehen, dass die Mühen und Leistungen der Mädels sich im Wettkampf widerspiegeln und sie die Ergebnisse bekommen, für die sie so hart trainieren.
Die aktive RSG-Zeit hat mir für mein weiteres Leben sehr viel mitgegeben. Ich habe sehr viel über mich gelernt, über Disziplin, darüber, wer ich überhaupt bin und auch, dass sich harte Arbeit in den meisten Fällen auszahlt und man vieles schaffen kann, wenn man sich wirklich darauf fokussiert und alles gibt.
Jetzt trainiere ich eine JWK-Gruppe (AK 13-15), die in den vergangenen beiden Jahren sehr erfolgreich war. Mein Team zeichnet aus, dass sie sich eigentlich von null aufgebaut haben. Sie haben alle vorher noch nie in der Gruppe geturnt und vor vier Jahren habe ich mit einigen Mädchen der jetzigen Gruppe begonnen. Zuerst waren die Erfolge auch überhaupt nicht zu sehen. Wir wurden vor vier Jahren Zehnte bei den Deutschen Meisterschaften. Die Mädchen haben hart gearbeitet. Ich habe ihnen gesagt, dass sie viel Potenzial haben aber wir dranbleiben. Ein Jahr später sind sie dann schon Deutscher Vize-Meister geworden. Das hat die Mädels sehr angespornt und sie haben gesehen, dass durch harte Arbeit und gute Zusammenarbeit mit den Trainern Erfolge möglich sind. Durch diese Motivation sind wir im vergangenen Jahr beim Internationalen Deutschen Turnfest Deutscher Meister im Mehrkampf und im Gerätfinale geworden. Auf dem Erfolg haben sich die Mädels nicht. Sie trainieren fleißig weiter und versuchen sich gegenseitig zu motivieren. Sie sind im Wettkampf super fokussiert und immer beieinander. Sie lassen sich von anderen Teams nicht einschüchtern oder aus der Ruhe bringen und bleiben allen gegenüber sehr respektvoll. Sie erkennen auch die Leistung der anderen Teams an. Alle sind miteinander befreundet und auch die Gymnastin, die für diese Saison zu uns gestoßen ist, wurde gleich in die Gruppe integriert, in alles mit einbezogen, im Training unterstützt, so dass sie schnellstmöglich perfekt in die Gruppe passte. Und mit dieser neueren Konstellation haben wir es auch geschafft in diesem Jahr unseren Deutschen Meistertitel im Mehrkampf zu verteidigen.
Dass ich selbst eine relativ gute Gymnastin war, bringt schon viel mit. In meiner aktiven Zeit habe ich sehr viele Erfahrungen gesammelt, gerade im Umgang mit meinen Trainern. In der Zeit bei der Nationalmannschaft habe ich nur Gruppe geturnt und da wirklich sehr, sehr viel gelernt, was das Miteinander angeht. Gerade der Umgang mit meinen Trainerinnen oder vielleicht auch wie Trainerinnen generell über meine ganze Laufzeit mit mir agiert haben – da habe ich sowohl gute Momente wie auch vielleicht nicht ganz so tolle Momente mitgenommen und für mich ausgewertet, wie ich denn mit meiner Gruppe umgehen will. Wie hätte ich mir gewünscht, ab und zu behandelt worden zu sein und probiere jetzt für mich die Essenz daraus zu ziehen, um auch aus meinen negativen Erfahrungen Positives herauszuziehen, das ich meiner Gruppe mitgeben kann.
Zudem weiß ich auch, was Druck mit einem machen kann. Über die Jahre habe ich Methoden für Wettkämpfe und Trainings entwickelt, die sich vielleicht als ganz gut herausgestellt haben und die ich jetzt meinen Mädchen so weitergeben kann.
In Wettkämpfen, durch die Nervosität, seinen Körper dennoch so unter Kontrolle zu haben, um das Handgerät gut bewegen und benutzen zu können, darin sehe ich die größte Herausforderung in der Rhythmischen Sportgymnastik. Denn wenn man ohne Handgeräte turnt, hat man nur seinen Körper, den man beruhigen und unter Kontrolle bringen muss. Ist man aber nervös, hat man neben den körperlichen Elementen, die man turnen muss, gleichzeitig Hände, die unruhig, schwitzig und zittrig sind, mit denen ein Gerät so präzise geworfen werden und kleinste Bewegungen gemacht werden müssen.
Man kann im Training die Sachen perfekt können, aber sobald die Unsicherheit dazu kommt und man es nicht schafft, sie so unter Kontrolle zu bekommen, dass der Körper sich beruhigt, dann entstehen im Wettkampf die meisten Fehler.
Als Trainerin ist für mich die Herausforderung, den Mädchen die bestmögliche Basis zu bieten, heißt gute Choreografien zu bauen zu schauen, dass das bestmögliche Potenzial der Mädels in der Übung ist. Gleichzeitig soll sie aber nicht zu schwer und überfordernd sein. Es ist schwierig, ein Mittelmaß darin zu finden. Aber in den letzten Jahren sehe ich eine positive Entwicklung in der Sportart, gerade was das Regelwerk angeht. Es wird viel mehr Fokus auf Ästhetik und Verkörperung der Musik gelegt.
Bei der WM in Frankfurt werde ich vor Ort sein und sie mir angucken. Das ist ein Ereignis, das ich nicht verpassen möchte, gerade weil es in Deutschland ist und man dort auch viele Leute aus der RSG wiedertrifft. Außerdem freue ich mich darauf die Mädchen der deutschen Nationalmannschaft zu unterstützen. Man bekommt ja nicht oft die Möglichkeit das eigene Team live zu sehen, da die meisten Wettkämpfe immer im Ausland stattfinden.
Für die WM wünsche ich mir, dass die Mädels die turnen bestmöglich durchkommen, es schaffen, ihre Saisonbestleistung zu turnen, aber auch, dass die Mädchen die Atmosphäre genießen, sich vom Publikum treiben lassen und viel Spaß haben. Ich erhoffe mir auch, dass das Publikum richtig laut und aktiv alle Gymnastinnen unterstützt. Nicht nur das eigene Land.
Für meine Gruppe sind in diesem Jahr die wichtigsten Wettkämpfe abgeschlossen. Die Mädchen aus meiner Gruppe wechseln jetzt in eine höhere Altersklasse, nämlich die FWK. Hier gibt es jetzt andere Handgeräte wie vorher, und ich muss jetzt beginnen, eine neue Choreografie mit den Mädels zu bauen, neue Elemente auszuprobieren. Und hoffentlich eine genauso spannende und mitreißende Übung in der neuen Saison zeigen zu können. Als sportliches Ziel setzen wir uns auch in der nächsten Saison, bei so vielen Wettkämpfen wie möglich auf dem Podium zu stehen. Aber in erster Linie wollen wir in der neuen Altersklasse gut ankommen und uns auch dort von der besten Seite präsentieren. Großes Ziel sind dann wieder die Deutschen Meisterschaften und eine bestmögliche Platzierung.
Weitere Quellenangaben / Informationen zum Artikel:
Foto: Juri Reetz