Leistung steht für Engagement, Ausdauer und den Willen, etwas zu bewegen

Kerstin Kreis, geboren in Berlin und aufgewachsen rund um den Olympiapark, ist Ärztin und führt ihre eigene Praxis in Berlin. Schon früh entdeckte sie ihre Leidenschaft für den Sport: zunächst im Turnen, später viele Jahre im nationalen und internationalen Turniertanzsport – mit der damals großen Hoffnung, Deutschland bei den Olympischen Spielen 2000 in Berlin mit der Bundesligamannschaft im Formationstanz als Demonstrationssportart vertreten zu können.
Heute lebt sie mit ihrer Familie im Havelland und engagiert sich im Ehrenamt – als Elternvertreterin am Bundesstützpunkt Rhythmische Sportgymnastik Berlin, als Gesamtelternsprecherin der Sportart im Deutschen Turner-Bund sowie als Vizepräsidentin im Märkischen Turnerbund. Ihre Tochter ist als Brandenburger Athletin an den Bundesstützpunkt Rhythmische Sportgymnastik in Berlin delegiert.

 

Kerstin Kreis äußert sich in BewegtBerlin, Ausgabe 5-2025.

 

Was bedeutet allgemein Leistung für dich – wie definierst du den Begriff für dich?
Leistung ist für mich das bewusste Einbringen der eigenen Kraft und Motivation, um ein Ziel zu erreichen. Sie steht für Engagement, Ausdauer und den Willen, etwas zu bewegen. Sich mit anderen messen zu wollen, ist nichts Negatives – dieser Antrieb steckt in uns allen und bringt uns weiter. Entscheidend ist, dass sich Leistung lohnt und auch anerkannt wird – im Sport ebenso wie im Ehrenamt.

 

Bitte beschreibe kurz deine Tätigkeit als Elternsprecherin / Elternvertreterin.

Als Elternvertreterin am Bundesstützpunkt Rhythmische Sportgymnastik Berlin vertrete ich die Stimme der Eltern gegenüber unseren Trainerinnen, unserer Stützpunktleitung und dem Verband. Gemeinsam mit anderen Eltern organisiere ich zudem Veranstaltungen am BSP – etwa Weihnachtsfeiern, gemeinsames Grillen zum Saisonauftakt oder das Catering bei Wettkämpfen, sofern diese bei uns im Olympiapark stattfinden. Das funktioniert aber nur in einem guten Team und mit dem Vertrauen unserer Stützpunktleitung, die uns Eltern nahezu freie Hand bei der Gestaltung lässt.

 

Was war/ist deine Motivation, dieses Amt zu übernehmen?

Meine Motivation war und ist, aktiv mitzugestalten und dazu beizutragen, dass sich Eltern und ihre Töchter am Bundesstützpunkt gut aufgehoben fühlen. Es muss ein Ort des gegenseitigen Vertrauens sein – zwischen allen Beteiligten. Im Rahmen des aktuellen Strukturprozesses im Deutschen Turner-Bund wurde erstmals für jede olympische Turnsparte – also Trampolinturnen, Gerätturnen weiblich/männlich und Rhythmische Sportgymnastik – eine Gesamtelternsprecherin bzw. ein Gesamtelternsprecher gewählt. Diese neue Struktur stärkt die Elternarbeit nachhaltig und gibt ihr eine offizielle Stimme im Verband. Ich freue mich, dass ich auch diese Funktion für die Rhythmische Sportgymnastik übernehmen darf und so die Perspektive der Eltern auch auf Bundesebene einbringen kann.

 

Worin bestehen die größten Herausforderungen?

Die größten Herausforderungen liegen darin, unterschiedliche Meinungen und Vorstellungen zusammenzubringen und allen Beteiligten gerecht zu werden. Elternarbeit soll die Trainerinnen und auch die Stützpunktleitung entlasten – nicht in deren Ressorts eingreifen. Sie versteht sich als organisatorische und manchmal auch mentale Unterstützung, aber definitiv nicht als Einflussnahme auf sportliche Belange. Dabei ist es wichtig, die eigenen Kompetenzgrenzen zu kennen und respektvoll innerhalb der gemeinsamen Strukturen zu handeln. Genau dieser Ausgleich macht die Aufgabe anspruchsvoll, aber auch besonders wertvoll.

 

Was braucht es aus deiner Sicht, damit ein Kind immer wieder gern zum Training geht und gute Leistungen erzielen kann?

Unsere Kinder müssen sich in ihrem Trainingsumfeld wohlfühlen und absolutes Vertrauen zu ihren Trainerinnen haben können. Sie brauchen das Gefühl, gesehen und fair behandelt zu werden und dass die gesteckten Ziele realistisch und erreichbar sind. Wichtig ist, dass Trainerin und Gymnastin eine gemeinsame Vision teilen – ein Ziel, an dem beide festhalten und auf das sie gemeinsam hinarbeiten. So entstehen Motivation, Zusammenhalt und das Vertrauen, dass sich die Anstrengung am Ende lohnt. Und natürlich tragen auch Freundschaften innerhalb der Gruppe viel dazu bei.

 

Wie siehst du in diesem Kontext die Rolle der Eltern?

Eltern spielen im Leistungssport eine wichtige, oft unterschätzte Rolle. Sie schaffen letztlich erst die Voraussetzungen, damit ihr Kind seinen Sport überhaupt ausüben kann – organisatorisch, emotional und auch finanziell. Gleichzeitig sind sie die erste Anlaufstelle, wenn etwas nicht gut läuft. Entscheidend ist, die Balance zu halten: unterstützen, aber nicht zwingen, Interesse zeigen, aber nicht einmischen. Eltern sollten und müssen Vertrauen in die Arbeit der Trainerinnen haben und zugleich für ihr Kind da sein. Nur wenn dieses Zusammenspiel funktioniert, spüren die Kinder Rückhalt von beiden Seiten – und genau das gibt ihnen Sicherheit und Motivation.

 

Was zeichnet ein gutes Verhältnis Athletin/Trainerin und Eltern aus?

Ein gutes Verhältnis zwischen Athletin, Trainerin und Eltern beruht auf gegenseitigem Vertrauen, Offenheit und Respekt. Alle drei Seiten wollen doch das Gleiche – dass das Kind sich entwickelt, Freude am Sport behält und seine Ziele erreicht. Wichtig ist, dass jede Rolle klar bleibt: Die Trainerin ist für den sportlichen Weg zuständig, die Eltern geben Rückhalt und Orientierung im Alltag, und die Athletin lernt, altersentsprechend nach und nach Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

 

Den Eltern wird über Jahre viel an Unterstützung abverlangt, viele Familien richten ihren Alltag nach den Anforderungen des Leistungssports ihres Kindes aus. Mal provokativ gefragt: Was haben sie davon?

Was man als Eltern „davon hat“? Ein hoffentlich glückliches Kind! Eines, das im Laufe der Jahre durch den Leistungssport Erfahrungen sammelt, die es sonst vielleicht so nie gemacht hätte – Zielstrebigkeit, Disziplin, Durchhaltevermögen und den Wert von Freundschaft. Unsere Kinder lernen, dass Leistung sich lohnt und Ziele erreichbar sind, wenn man sich anstrengt. Natürlich macht es uns als Eltern stolz, wenn wir sehen, wie unser Kind sein Potenzial nutzt und etwas Großartiges daraus entsteht – ganz gleich, ob im sportlichen, künstlerischen oder einem anderen Bereich. Niemand rutscht über Nacht in den Leistungssport hinein. Das ist ein Weg, der über viele Jahre wächst – vom Breitensport im Kindergartenalter bis hin zur bewussten Entscheidung, mehr daraus zu machen. Es ist einfach schön, Teil dieser Entwicklung zu sein.

 

Ist es schwieriger geworden, Eltern/Familien für eine leistungssportliche Laufbahn ihres Kindes zu gewinnen, und spielt dabei auch der gesellschaftliche Trend, Kindern weniger Leistung abzuverlangen, eine Rolle?

Es gibt Familien, in denen Leistungssport schon seit Generationen ausgeübt wird – dort ist das Verständnis und Interesse dafür groß. Andere stehen dem Thema eher kritisch gegenüber. Ich finde, Kinder dürfen und sollen lernen, sich mit anderen zu messen. Das hat nichts mit ungesundem Druck zu tun, sondern gehört zur Entwicklung dazu, auch wenn das Thema gesellschaftlich gerade stark diskutiert wird. Schwieriger ist es heute auch wegen der allgemein gestiegenen Kosten. Gerade in der Rhythmischen Sportgymnastik verdient man damit kein Geld. Es braucht viel Leidenschaft, Zeit und auch finanzielle Möglichkeiten der Eltern, diesen Weg mitzugehen.

 

Leistung mit Respekt, Wertschätzung, Kinderschutz – das sind elementare Themen im Leistungssport. Wie geht ihr im Bundesstützpunkt damit um?

Wir legen großen Wert darauf, dass Kinderschutz, Wertschätzung und Respekt im Trainingsalltag wirklich gelebt werden. Das zeigt sich aktuell in einer noch offeneren Kommunikation zwischen Trainerinnen, Eltern und Gymnastinnen als bisher – Probleme oder Sorgen dürfen und sollen jederzeit angesprochen werden. Es gibt feste Ansprechpartner, regelmäßige Elternabende und neu gewählte Athletensprecherinnen, die als Bindeglied fungieren. Themen wie Safe Sport und Leistung mit Respekt werden regelmäßig aufgegriffen. Zu Beginn dieser Saison wurde auch das Trainingskonzept neu ausgerichtet – ein Zeichen für Offenheit und Weiterentwicklung. Besonders schätze ich, dass dieser Austausch aktiv gefördert wird: Ich habe dort neben den Trainerinnen auch mit Alexander Stolpe als Stützpunktleiter jederzeit einen Ansprechpartner, der erreichbar ist, zuhört und Anregungen aufnimmt. Aktuell hat der DTB ein Plakat im Stil eines Comics veröffentlicht, auf dem die wichtigsten Regeln im Umgang zwischen Trainerinnen und Athletinnen – gemäß Safe Sport – einfach und verständlich dargestellt sind. Solche sichtbaren Zeichen helfen, dass diese Werte nicht nur in Konzeptpapieren stehen, sondern im Alltag präsent bleiben. Schön wäre es, das Plakat demnächst in jeder Turnhalle hängen zu sehen.

 

Was können Sportlerinnen tun, wenn sie sich im Training nicht mehr wohlfühlen – an wen können sie sich wenden (und wissen sie das)?

Wenn sich Gymnastinnen im Training nicht mehr wohlfühlen, sollen sie wissen, dass es verschiedene Anlaufstellen gibt. Am besten sprechen sie zuerst mit ihrer Trainerin – oft lässt sich vieles direkt im persönlichen Gespräch klären. Darüber hinaus gibt es im Rahmen des neuen Safe-Sport-Konzepts des DTB weitere Möglichkeiten: gewählte Athletensprecherinnen, die Stützpunktleitung, die Elternvertretung sowie die Kinderschutz- und Safe-Sport-Beauftragten beim BTFB oder DTB. Wichtig ist, dass niemand das Gefühl hat, ein Problem „für sich behalten“ zu müssen. Es gibt keine feste Reihenfolge, an wen man sich zuerst wendet – entscheidend ist, Vertrauen in die entsprechende Person zu haben und den Mut, etwas anzusprechen. Nur so kann ein respektvolles und sicheres Umfeld entstehen.

 

Ganz allgemein zum Thema Kinderschutz / Leistung mit Respekt: Was sind aus deiner Sicht sinnvolle Maßnahmen, wo braucht es Unterstützung, damit es weiter vorangeht?

Das Projekt „Leistung mit Respekt“ ist 2021 aus dem Strukturprozess des Deutschen Turner-Bundes entstanden und wurde von vielen Fachleuten aus Sportwissenschaft, Psychologie und Training begleitet. Es soll sicherstellen, dass Leistung und Menschlichkeit im Turnsport im Gleichgewicht bleiben – mit klaren Leitlinien für ein respektvolles und faires Miteinander in allen Bereichen des Sports. Damit das gelingt, müssen diese Werte im Trainingsalltag spürbar werden. Für uns Eltern heißt das: hinschauen, ansprechbar sein und mit den Trainerinnen, der Stützpunktleitung und den Verantwortlichen im Gespräch bleiben. Wir können helfen, eine offene Atmosphäre zu schaffen, in der Kinder sich sicher und ernst genommen fühlen. So entsteht eine Kultur, in der Leistung möglich ist – aber immer mit Rücksicht, Vertrauen und gegenseitigem Respekt.

 

Wie siehst du das Engagement des BTFB in Sachen Kinderschutz und was wünschst du dir ggf. vom BTFB zu diesem Thema?

Der BTFB hat beim Thema Kinderschutz bereits sehr gute, vorbildliche Strukturen geschaffen. Mit Nicole Greßner als Hauptansprechpartnerin und einer aktiven Arbeitsgruppe drumherum gibt es Schulungen, feste Abläufe und klare Informationswege. Wichtig wäre mir, dass auch die Gymnastinnen selbst besser wissen, was in Ordnung ist und was nicht – und dass sie ermutigt werden, über Dinge zu sprechen, die sie beschäftigen. Gerade die untereinander gewählten Athletensprecherinnen könnten hier als Multiplikatoren wirken, wenn sie entsprechend geschult sind. Das würde ich mir wünschen. Aber auch Elternabende bieten eine gute Gelegenheit, das Thema immer wieder kurz ins Bewusstsein zu rücken. Wenn die Stützpunktleitung es regelmäßig anspricht, zeigt das allen Beteiligten, dass Kinderschutz einen festen und gelebten Platz im Trainingsalltag hat. Die frühere Kultur des Schweigens – nach dem Motto „Was in der Halle passiert, bleibt in der Halle“ – sollte endgültig überall der Vergangenheit angehören.



Weitere Quellenangaben / Informationen zum Artikel:
Die Fragen stellte Sonja Schmeißer | Foto: privat
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