Oben bleiben und die Bodenhaftung nicht verlieren
Interview mit Isabell Sawade, DTB-Teamchefin RSG, vor der Heim-WM 2026
(Dies ist die Langfassung des Interviews, das im BTFB-Verbandsmagazin BewegtBerlin, Ausgabe 2-2026 (Juli), erschienen ist.)
Isabell Sawade ist Teamchefin RSG im DTB, ausgewiesene RSG-Expertin, war als lizensierte Kampfrichterin des Weltturnverbandes FIG in aller Welt im Einsatz. Sie ist Mitglied des TK RSG der FIG und wurde im Jahr 2023 vom DOSB als „Trainerin des Jahres“ geehrt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Oberndorf am Neckar.
Isabell, die Frage, die wir allen in dieser Ausgabe stellen: Was ist so faszinierend an der RSG?
Dass harte Arbeit und hochkomplexe Bewegungskombinationen so einfach und so schön aussehen können. Kombiniert mit einer passenden Musik gibt es dann Gänsehautfeeling pur.
Mit großartiger Bilanz – Olympiasieg, Weltmeistertitel, nun 2026 auch drei EM-Titel, viele gute Platzierungen im internationalen Geschehen im Einzel und mit der Gruppe – geht es in Richtung Heim-WM: Wie ist denn die Gemütslage der Team-Chefin wenige Wochen vor dem Großereignis?
Die Vorfreude ist groß. Wir wollen und werden hervorragende Gastgeber sein. Sportlich gesehen habe ich noch ein paar Sorgenfalten auf der Stirn. Vor allem im Einzel haben wir noch einige Verletzungs- und Krankheitsrückstände. Wir hoffen, dass wir noch einiges an Trainingsrückstand aufholen können.
Du hast mehrfach gesagt: Ohne Darja Varfolomeev wären wir nicht da, wo wir sind. Was zeichnet sie aus, was macht sie zu so einer Ausnahme-Athletin?
Ihre Willensstärke, ihre selbstlose Art, ihre Bereitschaft außerhalb der Komfortzone zu arbeiten. Darja ist wirklich einmalig und mit jeder Saison bringt sie erneut den Nachweis dafür.
Du bist seit Oktober 2017 Teamchefin. Sieht man den Stand der RSG in Deutschland heute, kann man nur gratulieren. Wie blickst du selbst auf diese Entwicklung und was sind wesentliche Prinzipien deiner (Leitungs-) Tätigkeit?
Herzlichen Dank ☺️. Der Anfang war wirklich schwer. Ich habe versucht, alle Trainer und Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass wir in die gleiche Richtung arbeiten müssen. Das bedeutet, eigene Interessen nach hinten zu stellen und mehr an das große Ganze – also den Erfolg für Deutschland – zu denken. Z. B. wenn es darum geht, Gymnastinnen für die Gruppe abzugeben. Aber auch, wie sich jeder selbst gut in das Gesamtgefüge einbringen kann. Jeder einzelne Akteur macht einen Unterschied.
Dein emotionalster Moment / ein unvergessliches Erlebnis in dieser Zeit war ….?
Das sind inzwischen viele… Unvergesslich bleibt das erste Mal, als die deutsche Hymne gespielt wurde. Das war beim Weltcup 2022 in Tashkent, als Margarita Kolosov das Gerätfinale mit dem Ball gewonnen hat. Und natürlich dann olympisches Gold durch Darja in Paris.
Worin bestehen für dich die größten Herausforderungen als Teamchefin?
Die Herausforderungen ändern sich jeden Tag und ich unterscheide zwischen externen und internen Herausforderungen. Extern z. B. die Beschaffung von Fördergeldern. All die Erfolge haben sich leider noch nicht auf unsere Personalsituation ausgewirkt. Wir haben seit vielen Jahren keinen Aufwuchs an bundesfinanzierten Stellen.
Intern müssen wir schauen, dass wir erfolgreich bleiben. Nach oben zu kommen ist tatsächlich einfacher, als oben zu bleiben. Bodenhaftung ist hier wichtig.
Jede Weltspitzenleistung braucht einen breiten Unterbau. Von welcher strukturellen Größenordnung sprechen wir bundesweit und kannst du bitte ein, zwei Beispiele für den quantitativen und für den qualitativen Zuwachs der letzten Jahre nennen?
Wir haben einen hohen Zuwachs an Teilnehmerinnen bei unseren Bundeswettkämpfen. Das freut uns, bringt aber inzwischen organisatorische Herausforderungen mit sich. Erfreulich ist auch der Zuwachs an zertifizierten DTB-Turnzentren und Turntalentschulen. Hier wird gute Nachwuchsarbeit geleistet und da dürfen wir auch gerne noch weiterwachsen.
Was schätzt du an der Arbeit der Berliner RSG?
Berlin hat ein wahnsinnig großes Einzugsgebiet und eine Vielfalt an Vereinen, die große Leistungsbereitschaft zeigen. Mit dem erfahrenen Team rund um Uta-Susanne Müller ist Berlin eine sehr wichtige Säule der deutschen RSG.
Die hohe Trainingsintensität in der RSG setzt im Prinzip schon ein gutes Trainer/Trainerin-Athletin-Verhältnis voraus, aber das muss ja täglich auch gelebt werden. Welchen Stellenwert hat dieses Thema für dich als Teamchefin und für das gesamte Trainerteam?
Es hat einen sehr hohen Stellenwert. Die Gymnastinnen verbringen oft mehr Zeit mit ihren Trainerinnen als mit ihren Familien. Es gibt immer ein Funktionsteam, die Trainerin ist also nicht allein. Die zahlreichen engagierten Mitarbeiter sind meines Erachtens ein großer Erfolgsfaktor. Jeder ist an seiner Position wertvoll und hilft uneigennützig weiter.
Du bist auch Mitglied des Technischen Komitees RSG der FIG. Welche Aufgaben hast du in diesem Gremium?
Wir sind insgesamt zu siebt. Neben den Meetings (ca. 4 im Jahr) leiten wir die großen FIG-Wettkämpfe, wie Weltmeisterschaften, Weltcups und World Challenge Cups. Die Weiterentwicklung des Code de Pointage, aber auch aller anderen Regelwerke nimmt auch viel Raum ein. Ich persönlich bin für die Dokumente (Technisches Reglement, Kampfrichterregeln, etc.) verantwortlich.
Welche Schwerpunkte setzt der derzeit gültige Code de pointage, bleibt aus deiner Sicht genügend Spielraum für die individuelle Interpretation durch die Gymnastin?
Ja, durchaus. Ich denke, der aktuelle Code de Pointage ist anspruchsvoll, lässt aber dennoch Gestaltungsspielraum für individuelle Gestaltung zu.
Wohin geht die Entwicklung bei den Gruppen? Sie sind im Spitzenbereich doch jetzt schon choreografische Meisterwerke, performt von bestens ausgebildeten Gymnastinnen, die extrem hohe Schwierigkeiten meistern …?
Ja, das sind sie. Ich denke, es wird nicht in Richtung mehr Schwierigkeiten gehen, sondern eher komplexer und mit mehr Gewichtung auf Artistik und Ausführung. Gelungene Gruppenübungen sind wunderschön anzuschauen, weil es immer etwas zu staunen gibt. Für Kampfrichter aber wahnsinnig schwierig zu bewerten.
Die Bewertungen in der Sportart haben sich hinsichtlich größtmöglicher Objektivität in den letzten Jahren verbessert, wodurch ist das gelungen?
Durch einfachere Regeln – wobei sie immer noch komplex sind. Und wir arbeiten an neuen Techniken, die „Real-Time-Judging“ erlauben. Die Kampfrichter werden auch bei der WM in Frankfurt im DA, A und E-Wert ein Keypad in der Hand haben oder direkt auf einem Tablet werten und alle Elemente in Echtzeit bewerten. Dadurch können nach der Übung keine Korrekturen mehr vorgenommen werden.
Wie geht ihr als Trainerteam mit dem Erwartungsdruck bzgl. der Heim-WM um und wie kann es gelingen, dass die Gymnastinnen motiviert und doch so gelassen wie möglich in die Wettkämpfe gehen …?
Wir bauen auf professionelle Hilfe. Also Sportpsychologen, die genau das thematisieren. Ich weiß, dass eine Heim-WM sehr viel Druck bedeuten kann. Dennoch hoffe ich auch, dass alle Beteiligten dieses Event maximal genießen können.
Was kann die WM in Frankfurt für die Sportart in Deutschland bewirken, was erhoffst du dir?
Grundsätzlich hoffe ich, dass die WM gute Werbung für uns ist. Wir hoffen auf öffentliche Aufmerksamkeit, auf Nachwuchs bei Gymnastinnen, aber auch bei Trainern und Kampfrichtern.
Was wünschst du dir generell für die Zukunft der Sportart RSG?
Einen hohen Stellenwert und eine gute Flächenabdeckung in Deutschland. Ich wünsche mir, dass die Anzahl der Vereine, die qualitativ hochwertige Arbeit leisten, weiter zunimmt.
Weitere Quellenangaben / Informationen zum Artikel:
Interview: Sonja Schmeißer | Foto: Dirk Zimmermann