… ich würde mich wieder für die RSG entscheiden
Für Susan Benicke, Mitglied der legendären „Gruppe 2000“, war die Teilnahme an den Olympischen Spielen keine Erfüllung eines langjährigen Traumes, es war eher wie ein riesengroßes Geschenk on top. In Ausgabe 2-2026 des BTFB-Verbandsmagazins BewegtBerlin blickt sie darauf und ihre RSG-Karriere zurück.
Zur Person:
Susan Benicke, von 1997 – 2000 Mitglied der Nationalmannschaft Gruppe, Heimatverein: SV Halle.
Ich bin als ganzheitliche Gesundheitscoachin in Germering bei München selbstständig tätig.
Meine Laufbahn als Sportlerin und meine breite Ausbildung (Diplom-Sportlehrerin, Sportpsychologin, Yogalehrerin) ermöglichen es mir, die Coaching-Sessions inhaltlich sehr vielschichtig zu gestalten.
Gern teile ich meine Erfahrungen auch in Ausbildungen und Firmenevents, um Menschen wieder mit ihrer natürlichen Bewegungsfreude zu verbinden. Zudem ist es mir ein Herzensanliegen, sie dazu zu inspirieren, ihre innewohnende Stille zu entdecken und wieder ganz bei sich zu Hause anzukommen.
Meine gesamte sportliche Laufbahn ging ich für den SV Halle, meinen Heimatverein, an den Start. Ich hatte das Glück, dass meine zwei Jahre ältere Schwester bereits in der Rhythmischen Sportgymnastik trainierte, als ich schon ein Jahr Geräteturnerin war. Dadurch wurde ich quasi beim Warten (im Halbspagat am Mattenrand ;)) auf das Trainingsende meiner Schwester vom Turnen zur Gymnastik „abgeworben“. Wie wundervoll, dass unsere Eltern den Sport sehr befürworteten und uns stets unterstützten.
Was ist so faszinierend an der RSG?
Da ist einmal dieser künstlerische, kreativ-tänzerische Aspekt. Als Gymnastin darfst du die Musik quasi in Bewegung „übersetzen“, sie verkörpern. Du interpretierst die Musik mit deiner einzigartigen Choreografie und Ausdrucksweise. Ich liebte es und liebe es auch heute noch, so ganz in die Musik einzutauchen und eine kleine Geschichte zu erzählen bzw. zu „ertanzen“ 🙂
Neben dem tänzerischen Aspekt benötigt es ein großes Maß an Körperbeherrschung, eine enorme Flexibilität und zudem eine ausgeprägte Geschicklichkeit mit den Handgeräten. Während der Körper wunderschöne Drehungen, Sprünge und Choreografien ausführt, fliegt da noch ein Handgerät – im besten Falle – direkt im richtigen Winkel zurück in die Hand. Phänomenal! Da kommt einfach so vieles zusammen. Und in der Gruppe kommt noch eine ganz besondere Wahrnehmung hinzu. Es ist wichtig, während der gesamten Übung möglichst viele Teamkameradinnen „im Auge zu haben“, um das eigene Bewegungstempo etc. an die anderen Gymnastinnen anzugleichen. Dies ist entscheidend, damit die einzelnen Elemente synchron ausgeführt werden und auch die Gerätewechsel gelingen.
Und nicht zu vergessen: die wunderschönen Kostüme/Gymnastikanzüge – jeder für sich ein kleines Kunstwerk! 🙂
Die Olympischen Spiele 2000 …
Glücklicherweise habe ich die Sportart an sich geliebt. Ich liebte es, wenn der Körper und die Musik wie zu etwas Größerem verschmolzen. Ich wollte einfach für mich selbst immer etwas dazulernen, immer weniger Grenzen auf körperlicher Ebene spüren, also auch beweglicher werden. Ich liebte beispielsweise auch das Gefühl bei einem sog. „gedrehten Spagatsprung“. Ich liebte dieses Gefühl des Fliegens in der weitesten, größtmöglichen Amplitude, also trainierte ich, um dieses Gefühl vom Fliegen auszudehnen.
Somit war die Teilnahme an den Olympischen Spielen keine Erfüllung eines langjährigen Traumes, es war eher wie ein riesengroßes Geschenk on top, quasi noch das Sahnehäubchen obendrauf, ein krönender Abschluss einer wundervollen Zeit als Leistungssportlerin. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen und dann sogar noch eine erfolgreiche Teilnahme – dies ist bis heute eine dieser ganz besonderen Erfahrungen, ein bis heute sehr prägendes und sogar richtungsweisendes Erlebnis. Das ist etwas, das bleibt und in irgendeiner Form wohl für immer in mir lebendig bleiben wird. Das sind diese Momente, in denen Worte einfach zu klein erscheinen; da ist eine Tiefe und Weite im Erleben, die sich kaum in Sprache pressen lässt.
Für mich ist die Bedeutsamkeit auch eng mit dem olympischen Gedanken verknüpft. Ich liiiiieeeeebe den olympischen Gedanken. Es geht um Respekt, um Fairness, ein friedliches Miteinander. Menschen aus aller Welt kommen zusammen, als eine große olympische Familie – nicht nur als Idee, sondern als erlebte Wirklichkeit. Die respektvolle, freundschaftliche Atmosphäre ist im olympischen Dorf allgegenwärtig.
Für mich sind die in sich verschlungenen olympischen Ringe ein wunderschönes Symbol für die Verbundenheit aller Teile unserer Erde und auch all ihrer Bewohner.
Und dieser olympische Spirit ist vor Ort tatsächlich allgegenwärtig. Im Olympischen Dorf sind wir alle eine große Sportlerfamilie, das respektvolle Miteinander fühlt sich fast greifbar an. Ich erinnere mich, wie ich beim Essen mit sehr namhaften Sportlern am Tisch saß. Das alles zählte hier nicht; die Masken fallen ab und wir begegneten uns wie zwei alte Freunde.
Bei der Abschlussfeier im Olympiastadion, eine unter über 10.000 Sportlern aus der ganzen Welt, eine große, gemeinsame Feier … Es gab so schöne Begegnungen, Gespräche und Foto-Spaßmomente. Über 100.000 Zuschauer im Stadion … Alle Spannung war abgefallen und nun war da dieses Staunen, unglaubliche Freude, Dankbarkeit, tiefe Ergriffenheit und Sprachlosigkeit. Wenn heute einer dieser Songs im Radio gespielt wird, bin ich direkt wieder in diesem Moment, mitten in dieser gigantischen, freudvollen Atmosphäre.
Na gut, und der ganz besondere, tief prägende Moment war kurz bevor es auf die olympische Matte hinausging. Ich stand da als junge Frau aus einem relativ kleinen Ort, mit ganz wenigen, kleinen Wettkämpfen im Jahr. Ich hatte mir einen riesigen Rucksack voller Verantwortung auf den Rücken packen lassen, der mir als einzelne Person viel zu schwer erschien. Das hier war eindeutig zu groß, um gleich für Deutschland auf die Matte zu gehen. Letztendlich gab ich die Verantwortung an etwas viel Größeres ab. Und diese Erfahrung sollte wohl fortan mein Leben prägen, bereichern und die Richtung weisen.
Da sind auch viele kleine Momente, an die ich mich gern erinnere, in denen eigentlich nichts Großes oder Besonderes geschah. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie ich im Sydney Aquarium kurz für ein gemeinsames Foto mit Frau Medilanski herumalberte. Da war einfach nur Leichtigkeit und Begegnung. Es war ganz kurz, und doch sind das die Momente, in denen die Seele kurz durchatmet und sich auflädt für den großen Moment, in dem es auf die olympische Wettkampffläche geht. Frau Medilanski verstand es insgesamt sehr gut (auch bei all ihrer Verantwortung und den Erwartungen von außen), diesen Druck nicht an ihre Athletinnen weiterzugeben. Sie war eine große Lehrerin jener Zeit für mich, und ich bin ihr zutiefst dankbar für ihre Menschlichkeit und Präsenz!
Was hat dir die RSG-Zeit für dein weiteres Lebengegeben?
Auf jeden Fall Richtung, Tiefe und eine grundsätzliche Haltung von Zuversicht, sogar so was wie ein unerschütterliches Vertrauen. Auch eine weitere Perspektive, Toleranz und Teamgeist. Natürlich auch eine gewisse Disziplin, Ausdauer und Fokussiertheit auf mentaler Ebene.
Hochleistungssport ist intensiv: Du begegnest vielen dunklen Tunneln, schwindelerregend hohen, stark wackelnden, klapprigen, freischwebenden Hängebrücken. Immer wieder stößt du an Grenzen, die danach rufen, erweitert und überwunden zu werden. Da sind viele leuchtende Momente, aber um diese zu erleben, gibt es zuvor eben auch viele dunkle Tunnel und unüberwindbar scheinende Grenzen, an die du stößt.
Egal, wie „wild“ und herausfordernd mir mein heutiges Leben manchmal erscheint: Im Vergleich zum Hochleistungssport als junges Mädchen und später junge Frau ist es ein Zuckerschlecken. Und genau mit dieser Bewusstheit und Dankbarkeit lebe ich heute. Ich weiß: Wenn es mal sein muss, kann ich jede Sekunde durchtakten, auf den Punkt Leistungsfähigkeit abrufen, aber umso ausgeprägter kann ich auch besonders das Nichtstun genießen und voll auskosten – die Zeit komplett vergessen und den Wolken beim Vorbeiziehen am Himmel zuschauen.
Im Prinzip habe ich in der RSG-Zeit meine Lebensausrichtung gefunden, auch den Wunsch für meine berufliche Tätigkeit. Im Grunde genommen ist es ein roter Faden, der sich von damals bis heute durch mein Leben zieht. Und ich bin unendlich dankbar für meine Zeit als Rhythmische Sportgymnastin. Könnte ich noch einmal quasi in meinem Lebensfilm zurückspulen und neu wählen, würde ich mich wieder und wieder für diese tiefe Liebe zur Rhythmischen Sportgymnastik entscheiden – mit oder ohne Medaillen!
Bist du der RSG oder dem Sport generell treu geblieben?
Ich bin dem Sport generell treu geblieben (beruflich und privat). Immer mal wieder unterstütze ich als Trainerin meine geliebte Sportart und war bisher in Halle, Berlin und München tätig. Ursprünglich wollte ich die Gymnastinnen als Sportpsychologin unterstützen .. wer weiß, vielleicht kommt das ja noch irgendwann.
Was sagst du zur Entwicklung der RSG in Deutschland heute?
Wunderbar, wir haben eine deutsche Olympiasiegerin. Insgesamt würde ich eine breite Förderung dieser wunderschönen Sportart befürworten, damit auch viele Generationen nach uns die Faszination dieser Sportart – auf allen Leistungsebenen – erleben können.
Weitere Quellenangaben / Informationen zum Artikel:
Foto: Lichthelden SHK Steffen H.- Kauffmann
