Nicht nur der Weltmeistertitel zählt, der Weg ist das Ziel

Konstanze Krug (49) Rhönrad-Trainerin SC Siemensstadt, Projektierungsingenieurin

 

Konstanze Krug äußert sich in BewegtBerlin, Ausgabe 5-2025.

 

Über das Turnen, das ich seit dem 4. Lebensjahr ausübe, bin ich mit 14 Jahren zum Rhönradturnen gekommen. Meine erste Trainingsgruppen hatte ich zu dieser Zeit in Dessau. Mit 30 Jahren bin ich dann zum SC Siemensstadt gekommen und bin auch hier Trainerin und Turnerin im Rhönradturnen.

 

Leistung ist Arbeit, so wie in der Physik. Im Sport ist es körperliche Arbeit. Mit Leistung kann ich ein Ziel erreichen.

 

Ich selbst habe einen sehr hohen Anspruch an mich selbst. Ich habe hoch gesteckte Ziele, die ich mit entsprechender Arbeit erreichen möchte, besser: erreichen muss. Mit meiner Leistung bin ich zufrieden, wenn ich meine Ziele erreicht habe. Es kommt daher auf das Stecken bzw. auf die Definition der Ziele an. Wobei Ziele nicht nur selbst gesteckt sind, sondern auch durch Erwartungen aus dem Umfeld entstehen. Das gilt sowohl für den Job als auch für meinen Sport.

 

Die Erwartung von außen bzw. vom Umfeld für sportliche Leistung spielt meiner Meinung nach die wichtigste Rolle. Eltern, die ihre Kinder auf einem hohen Niveau sehen wollen, Trainer, die erfolgreich sein wollen, können ein Kind schwer beeindrucken und auch prägen.

Der Trainer muss seinen Schützling richtig einschätzen und verstehen, wie er tickt.

Ein Kind, das schon von sich aus (intrinsisch) einen hohen Anspruch hat, muss der Trainer bremsen, damit es sich nicht „kaputt macht“. Einem Kind, das langsamer im Lernprozess ist, müssen erreichbare Ziele gesteckt werden, damit die Motivation bleibt. So können beide zu ihren jeweiligen Erfolgen kommen.

 

Ein gutes Trainer-Athleten-Verhältnis zeichnen Vertrauen, Spaß, Offenheit, Ehrlichkeit aus. Damit eine beste Leistung erbracht werden kann, setze ich Zwischenziele, und verwende Lob und Korrektur im richtigen Maß.

 

Gute und notwendige Rahmenbedingungen für sportliche Höchstleistungen sind regelmäßiges Training, eine gute Trainingsumgebung und dass alle Hilfsmittel immer zur Verfügung stehen. Zum Beispiel ein Barren oder ein Reck bei uns, um stufenweise was zu erlernen.

 

Ob es in einer Mannschaftssportart leichter ist, Höchstleistungen zu erbringen? Ja und nein. Man kann sich in einer Mannschaft verstecken. Man kann aber auch motiviert werden, hervorstechen zu wollen. Und man muss immer Rücksicht auf das Team nehmen, es sei denn, man kann einen einzelnen sportlich Aktiven herausnehmen und individuell trainieren. In unserer Einzelsportart geht das nicht, wobei die Kinder sich gegenseitig beobachten und durch Vorbildfunktionen auch viel Motivation entsteht.

 

Höchstleistungen sind uns im ausgesprochenen Breitensportbereich nicht wichtig. Eine erfolgreiche Leistung im Breitensport ist das erste allein geturnte Element, die erste Show, an der man mitgeturnt hat. Das macht die Kinder stolz. Sie strahlen und sind glücklich, wenn alles geklappt hat. Pannen oder Missgeschicke müssen gut begleitet und entschärft werden. Da ist dann Trost und Zusprache nötig. Was mich nach einer erfolgreichen Leistung bewegt: Es ist vor allem Stolz und mittlerweile Dankbarkeit, dass ich noch so fit bin.

 

Im Breitensport sind die Grenzen der Leistung meist körperlich bzw. mental. Wenn ein Kind eine Übungskategorie nicht mag, geht es da auch nicht weiter und als Trainer muss überlegt werden, wie man hier trotzdem noch Anreize findet und setzt.
 

Im Breitensport werden meiner Meinung nach die Leistungen schnell anerkannt und wertgeschätzt. Eine tolle Show beeindruckt und macht Eltern und Familie glücklich. Generell finde ich, es wird zu wenig gelobt. Gemeckert und beschwert wird sich stets sehr schnell.

 

Die Wertschätzung von Leistung im Sport, gemessen an den Voraussetzungen, die jemand mitbringt, klappt bei unserem individuellen Breitensport sehr gut. Jedes Kind hat seine Herausforderungen an Übungen. Sobald diese klappen, ist schon Stolz da. Das Selbstvertrauen wächst. Damit stelle ich mir vor, ist das Kind auch zufrieden mit sich. Manche kommen zum Training und sagen gleich, was sie heute unbedingt probieren wollen.

 

Leider sehe ich im Rhönrad in Bezug auf faire Wertung bzw. Beurteilung von Leistungen in den letzten Jahren eine nicht so schöne Entwicklung. Der Breitensport wird abgehangen. Die Wettkämpfe und die Wertungsrichtlinien sind derart gestaltet, dass viel intensives individuelles Training nötig wäre, um diese zu erfüllen. Das geht bei uns nicht. Daher nehmen unsere Kinder nur auf freiwilliger Basis an Wettkämpfen teil. Meist sind die Kinder dann schon junge Erwachsene, wenn sie sich trauen, zu den Wettkämpfen zu gehen. Aufgrund der geringen Teilnehmer, kann auch kaum eine Aufteilung in Leistungs- und Breitensport erfolgen.

 

Eigentlich wird immer die beste Leistung von einem erwartet. Wenn es aber nicht geht, werden Erklärung, warum was gerade nicht geht, akzeptiert.

 

In Bezug auf das Fordern von Leistung hat sich in den letzten Jahren viel geändert. Das Durchsetzen der Ziele und das darauf pochen ist heute schwieriger, es wird mehr auf die persönlichen Befindlichkeiten geachtet.

 

Den Trend, Kindern weniger Leistung und sportliche Vergleiche abzuverlangen, den Sport mehr auf den Spaß zu reduzieren, leben wir in unserem Verein. Die Kinder haben trotzdem Spaß an den persönlichen individuellen Entwicklungen und sind mit Auftritten und Shows sehr zufrieden. Ich würde einige Kinder mit dem Zwang zum Wettkampf vergraulen und verschrecken. Das haben wir erlebt. Daher ist das nun kein Thema mehr. Wie erwähnt, kann auch der Aufwand an individuellem intensivem Training nicht von uns erbracht werden. Den Eltern wird das gleich am Anfang erklärt. Sollten da andere Erwartungen sein, müssten diese sich einen anderen Verein für ihre Kinder suchen. Ich finde hier Offenheit und Transparenz sehr wichtig.

 

Ich persönlich bin vom Leistungssport geprägt, das wirkt auch auf meinen Job. Ich möchte das aber weder für meine eigenen Kinder noch für die, die ich trainiere. Ich erwarte eine gewisse Zuverlässigkeit an Trainingsteilnahme und ja, ich fördere individuell auch. Ich möchte aber nicht diesen extremen Leistungsdruck, verbunden mit der Erwartung, in das Training bringen.

 

Persönlich musste ich lernen, lockerer zu werden und weniger hohe Ziele zu stecken, um damit eine Zufriedenheit zu erreichen. Lernen, dass der Weg das Ziel ist, und nicht nur der Weltmeistertitel was zählt. Das sind Punkte, die mich noch immer treiben. Meine Frage an die Kinder nach einem Auftritt oder ggf. einem Wettkampf ist immer: Wie zufrieden bist Du mit Dir? Ich freue mich, wenn alle Übungen klappen und das Gelernte gezeigt werden kann. Das gilt aber vor allem bei den Kindern. Ich selber gewinne noch immer gerne…

 

An Werten, die der Leistungs- und Wettkampfgedanke mit sich bringt, hat mir in meinem Leben am meisten geholfen: Durchhalten, Beißen, Üben.



Weitere Quellenangaben / Informationen zum Artikel:
Die Fragen stellte Gritt Ockert | Foto: privat