Alle messen sich auf ihrem Leistungsniveau und werden geehrt

Tim Fuhse (35), Bundestrainer für Judo, Kraftdreikampf, Gerätturnen und Rhythmische Sportgymnastik bei Special Olympics Deutschland (SOD)
Dort habe ich vor allem koordinative Aufgaben. Ich bin ursprünglich gelernter Journalist und meine aktive Turnlaufbahn hat leider bereits nach dem Kinderturnen geendet. Da bin ich zum Fußball gewechselt.
Tim Fuhse äußert sich in BewegtBerlin, Ausgabe 5-2025.
Was bedeutet allgemein Leistung für dich – und wie definierst du den Begriff für dich?
Leistung bedeutet für mich, aus seinen persönlichen Voraussetzungen und den Gegebenheiten das Beste zu machen. Man könnte auch sagen: Sich bei dem, was man tut, ehrlich Mühe zu geben.
Was hat dich motiviert, bei Special Olympics zu arbeiten?
Wer eine Siegerehrung bei Special Olympics miterlebt hat, braucht nach der Motivation wahrscheinlich nicht mehr zu fragen. Dort sieht man sofort, wie viel es Menschen mit geistiger Beeinträchtigung bedeutet, Sport zu treiben und für ihre Leistung gewürdigt zu werden. Ich wünsche mir, dass sie in Zukunft genauso selbstverständlich im Sportverein aktiv sein können, wie alle anderen Menschen auch.
Bitte skizziere kurz deinen Verantwortungsbereich bei SOD
Gemeinsam mit unseren ehrenamtlichen Arbeitsgruppenmitgliedern koordiniere ich im Bundesverband Special Olympics Deutschland die Sportartentwicklung im Judo, Kraftdreikampf, Gerätturnen und der Rhythmischen Sportgymnastik. Wir organisieren Wettbewerbe und Lehrgänge, überarbeiten Regelwerke und werben um neue Athlet*innen und Sportangebote.
Warum gerade auch Turnen und RSG – es ist ja bei beiden für SOD vieles noch Neuland…?
Gerätturnen und RSG gehören bei uns noch zu den jüngsten und kleinsten Sportarten. Für die Weltspielen in Berlin 2023 waren 2 Turnerinnen und 4 Gymnastinnen qualifiziert – das waren damals deutschlandweit die einzigen Athletinnen, die wir kannten. Beides sind tolle Sportarten und auch für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung spannend. Deswegen investieren wir hier viel Energie. Mittlerweile nehmen knapp 20 Turner*innen und knapp 30 Gymnast*innen an unseren Wettbewerben teil.
Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Turnerbünden?
Wir arbeiten sehr gut mit dem DTB zusammen. Der Fachverband engagiert sich seit den Weltspielen 2023 sehr für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, gemeinsamen haben wir bereits SO-Wettbewerbe im Rahmen des Bundespokals der Landesturnverbände und beim Turnfest organisiert. Auch in einigen Bundesländern gibt es Kooperationen.
Welche Wettkampf-Formate gibt es – SO-Wettbewerbe, inklusive/gemeinsame Wettkämpfe…?
Bei unseren Wettbewerben können alle Sportler*innen mit geistiger und mehrfacher Beeinträchtigung starten. Im Gerätturnen haben wir diesen bislang oft in Regelsportveranstaltungen integriert. In der RSG bieten wir zudem auch schon Unified Sports Wettbewerbe an, in denen Gruppen aus Menschen mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam starten können. Auch hierfür suchen wir noch mehr interessierte Teams und Sportler*innen.
Du bist Bundestrainer – das heißt, es geht um Leistung – wie definiert sich Leistung bei Menschen mit geistiger Beeinträchtigung?
Bei Special Olympics suchen wir nicht nur den allerbesten Turner oder die allerbeste Gymnastin – alle Athlet*innen messen sich auf ihrem Leistungsniveau und werden nach dem Wettbewerb geehrt. Denn: Mit Blick auf ihre unterschiedlichen intellektuellen und körperlichen Voraussetzungen leisten sie alle sehr viel. Manche Elemente mögen für Außenstehende einfach aussehen, sie bedeuten für unsere Athlet*innen aber Höchstleistung. Das beginnt schon beim Merken der Abfolge einer Bodenübung. Der Eid unserer Athlet*innen lautet: „Ich will gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, so will ich mutig mein Bestes geben“.
Wie wird die Leistungsentwicklung strukturell und mit Maßnahmen bei SOD umgesetzt?
Die beiden wichtigsten Säulen unseres Sportkonzepts sind die Klassifizierung und das Prinzip des Aufstiegs. Die Klassifizierung ist eine Vorrunde, in der die Sportler*innen in homogene Leistungsgruppen eingeteilt werden. In jeder Leistungsgruppe werden im Finale gleichwertige Medaillen und Platzierungsschleifen vergeben. Das Prinzip des Aufstiegs regelt, dass die Sportler*innen sich über regionale Wettbewerbe für unsere Nationalen Spiele qualifizieren. Dort können sie sich dann für Weltspiele qualifizieren.
Welche Auswirkungen hat das Leistungsstreben, das Erreichen persönlicher Ziele, aus deiner Sicht auf die Persönlichkeitsentwicklung der Athletinnen und Athleten?
Wer neu dazu kommt, ist oft überrascht, dass unsere Athlet*innen auch gern mal Freudentränen für einen 6. Platz vergießen. Der Stolz auf die eigene Leistung leidet bei vielen von ihnen nicht darunter, dass jemand anderes noch besser war. Das kennt man aus dem Regelsport kaum. Ich erlebe aber auch oft, dass unsere Athlet*innen bevormundet werden – an Wettbewerb und Vergleich hätten sie ja gar kein Interesse. Das stimmt nicht! Viele von ihnen sind sehr ehrgeizig, sie wollen sich messen und verbessern. Wenn man sie fordert, schaffen sie oft mehr, als ihnen von ihrem Umfeld je zugetraut wurde.
Was möchtest du als Bundestrainer langfristig erreichen?
Bislang treiben vergleichsweise wenige Menschen mit geistiger Beeinträchtigung Sport. Und auch diese werden von Vereinen oft nicht aufgenommen. Ich wünsche mir, dass sich das ändert. Es sollten in Deutschland nicht nur 20 oder 30 Menschen mit geistiger Beeinträchtigung turnen, sondern viele Hundert.
Was sind dabei die größten Herausforderungen?
Wer keine familiäre Unterstützung hat, verschwindet schnell im System aus Förderschulen und Förderwerkstätten. Dort fehlt es oft an Geld und Personal, um Sportangebote und Wettbewerbsreisen zu stemmen – oder gar beim Weg zum Sportverein zu helfen. Den Vereinen fehlen ebenfalls Trainer*innen und leider manchmal auch der Wille, Menschen mit Beeinträchtigung zu integrieren. Dafür braucht man tatsächlich keine besondere Qualifikation, sondern nur Motivation.
Die Begeisterung für die Turnerinnen und Gymnastinnen bei den SOWG 2023 war groß, die Hochachtung vor der Leistung hat die Athletinnen und Athleten ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht – spürst du diese Wertschätzung heute noch in der Zusammenarbeit mit externen Partnern?
Die Aufmerksamkeit für die Weltspiele 2023 hat für uns tatsächlich viel verändert, auch im Gerätturnen und der RSG. Viele Ehrenamtliche, die sich heute in diesen Sportarten für SOD engagieren, hatten in Berlin ihre ersten Berührungspunkte mit Special Olympics. Auch für die Zusammenarbeit mit dem DTB war das ein Startschuss. Und: Eine Athletin hat sogar mit dem Turnen begonnen, weil sie im Fernsehen einen Beitrag über eine unserer Starterinnen bei den Weltspielen gesehen hat.
Werden Leistungen – in welchen Bereichen auch immer – heute in der Gesellschaft genügend gewürdigt? Was könnte besser sein?
Gesellschaftlich können wir einiges von unseren Athlet*innen lernen, ob im Sport oder anderswo. Zum Beispiel Stolz auf die eigene Leistung zu sein – ohne, dass diese dafür besser sein muss als die der Mitmenschen. Grundsätzlich würde es uns sicher guttun, nicht nur die allerbesten, allerreichsten und allerschönsten zu würdigen.
Weitere Quellenangaben / Informationen zum Artikel:
Die Fragen stellte Sonja Schmeißer | Foto: privat