Das Ehrenamt muss sich an den Lebensalltag anpassen
Sandra Liebender widmet sich in der Ausgabe 1-2026 des BTFB-Verbandsmagazins BewegtBerlin den Voraussetzungen für ehrenamtliches Engagement in Zeiten wachsender Herausforderungen.
Zur Person
Sandra Liebender (40) ist Projektmanagerin und Mitglied im ehrenamtlichen Aufsichtsrat des Berliner TSC e.V. (seit 16.12.2025, vorher Vizepräsidentin). Ihre Zuständigkeitsbereiche sind Vereinsentwicklung, Kinderschutz / interpersonelle Gewalt.
Werdegang bzgl. ehrenamtlichem Engagement:
- 2011 – 2024 Jugendleiterin Abteilung Fußball, Berliner TSC
- 2016 – 2020 Vorsitzende des Jugendausschuss des Berliner TSC
- 2019 – heute Kinderschutzbeauftragte Person des Berliner TSC
- 2024 – heute Mitglied der Abteilungsleitung der Abteilung Fußball, Berliner TSC
- 2020 – 2025 Vizepräsidentin des Berliner TSC
- Ab 2026 Mitglied des ehrenamtlichen Aufsichtsrates vorbehaltlich der Eintragung der neuen Satzung im Vereinsregister

Was ist Ihre Motivation, sich ehrenamtlich im Sport zu engagieren?
Selbstwirksamkeit: Ich kann Ideen und Impulse einbringen, diese werden diskutiert, weiter- und mitentwickelt, verworfen oder umgesetzt.
Kompetenzerweiterung/persönliche Weiterentwicklung: Ich habe durch mein Engagement viel gelernt, insbesondere im Bereich Kommunikation und Organisation, das mir auch in meinem beruflichen Alltag sehr geholfen hat
Kontakt mit Menschen: Ich habe noch nie so viele unterschiedliche Menschen an einem Fleck kennenlernen dürfen. Dabei gab es auch immer wieder rührende Momente und inspirierende Persönlichkeiten, neben Menschen, denen man nicht zwingend nochmal begegnen möchte, aber von allen durfte ich lernen.
Beschreiben Sie bitte kurz, auch für Außenstehende, die nicht so sehr mit Vereinsstrukturen vertraut sind, Ihre ehrenamtliche Tätigkeit im Verein. Welche Aufgaben und Ziele hat das Gremium, welche Aufgaben haben Sie und wie ist das Thema Kinderschutz darin verankert?
Ich war von 2020 bis 2025 Vizepräsidentin des Berliner TSC e.V. und damit nach §26 BGB in der Verantwortung und Haftung für all das, was im Verein passiert. Dabei geht es um die Finanzverantwortung, aber auch die Verantwortung gegenüber den Arbeitnehmer*innen des Vereins, den Ehrenamtlichen, gegenüber Fördergebern, Partnern usw. Das ist ein ziemliches Paket, weswegen ich sehr dankbar war, dies nicht allein stemmen zu müssen, sondern mit 3 weiteren Mitstreitern. Darüber hinaus hatten wir weitere Personen im Vorstand aus dem Verein, mit denen wir in den letzten Jahren intensiv an der Weiterentwicklung unseres Vereins gearbeitet haben.
Ansonsten sah mein Alltag als Vizepräsidentin so aus, dass es mind. wöchentlichen, manchmal tägliche Abstimmungen mit meinen BGB-Kollegen und / oder der Geschäftsführung des Vereins gab, dass ich mind. wöchentlich für das Leisten rechtsverbindlicher Unterschriften im Verein war, an monatlichen Vorstandssitzungen teilgenommen habe, Workshops für den Vorstand organisiert habe, Abteilungsleitungen beraten habe usw.
Aufgrund der Verantwortung nach §26 BGB haben wir eine Garantenpflicht gegenüber unseren Mitgliedern, d.h. alles dafür zu tun, dass unsere Sportler*innen unversehrt Sport treiben können. Kinder und Jugendliche gelten als besonders schutzbedürftig. Daher hat das Thema Kinderschutz einen hohen Stellenwert in unserem Vereinsalltag. Ich habe mich bereits vor meiner Tätigkeit als Vizepräsidentin damit beschäftigt und als Vorsitzende des Jugendausschuss 2019 gemeinsam mit allen Jugendleitungen aus den Abteilungen, Verhaltensregeln für den Kinder- und Jugendschutz entwickelt, die vereinsweit gelten und mittlerweile verpflichtender Bestandteil unserer Verträge für Trainer*innen sind. Seitdem ist viel passiert: wir haben das Thema Kinderschutz in unserer Satzung verankert, Ansprechpersonen für den Kinderschutz in nahezu jeder Abteilung benannt und jede Menge Schulungen durchgeführt. Das Highlight war dann die feierliche Auszeichnung 2023 mit dem Kinderschutzsiegel des LSB im Rahmen unseres 60. Vereinsgeburtstags.
Warum liegt Ihnen das Thema Kinderschutz so sehr am Herzen?
Ich hatte irgendwann die Erkenntnis, unter welchen Bedingungen Kinder in unsere Welt kommen und welche Verantwortung daher bei uns liegt: Kinder haben sich nicht ausgesucht, auf unserer Welt zu sein. Sie werden in eine Welt geboren, die nicht für sie und von ihnen gemacht ist, sondern von uns Erwachsenen. Also ist es unser aller Verantwortung Kinder dabei zu begleiten, bestmöglich und unbeschadet in dieser Welt aufzuwachsen.
Im B-TSC gibt es für alle Sportarten Kinderschutzbeauftragte, das ist sicher noch nicht in vielen Vereinen der Fall. Welche Erfahrungen haben sie mit dieser Struktur gemacht?
Dass die Installation von Ansprechpersonen für den Kinderschutz in jeder Sportart absolut sinnvoll ist, zeigt sich aufgrund der jeweiligen „Eigenarten“ der Sportarten. Menschen, die die Sportart kennen, können Dinge besser einschätzen, besser verstehen, kennen ungeschriebene Traditionen, verbandliche Verflechtungen usw. Das kann gleichzeitig aber auch ein Nachteil sein, weil sich betroffene Personen ggf. nicht so gern an Menschen wenden, die „Teil des Systems“ sind.
Dann ist das Vorhandensein weiterer Ansprechpersonen in anderen Sportarten wiederum von Vorteil.
Tatsächlich zeigen sich aber auch hier die Grenzen des Ehrenamtes. Das Engagement ist sehr verschieden und abhängig von den sonstigen Belastungen im Leben
Wie gewinnen Sie Persönlichkeiten für dieses Ehrenamt, das ja sehr verantwortungsvoll ist, Empathie und Einfühlungsvermögen, sicher auch Durchsetzungskraft, erfordert?
Wir haben es in den letzten Jahren tatsächlich geschafft, ein breites Bewusstsein für den Kinderschutz im gesamten Verein zu wecken, so dass die Abteilungsleitungen selbst interessiert daran sind, diese Stellen zu besetzen. Dazu kommt eine per Satzung definierte Verpflichtung, eine Anlaufstelle für den Kinderschutz gegenüber den Mitgliedern zu benennen.
Wie oben schon beschrieben, ist das Engagement aber sehr unterschiedlich. So gibt es einzelne, die mehr sportartenübergreifendes Engagement zeigen als andere. Aufgrund des breiten Bewusstseins haben wir tatsächlich eine schöne Entwicklung im Verein, dass wir viele aufmerksame Augen und Ohren in unseren Reihen haben und auch Trainer*innen oder Übungsleitungen aktiv werden und aufgrund der Schulungen wissen, wie sie sich verhalten müssen.
Worin bestehen derzeit die größten Herausforderungen?
Im Bereich Ehrenamt habe ich dazu in den anderen Fragen schon was geschrieben. Im Bereich Kinderschutz würde ich sagen, dass wir hier einen gesellschaftlichen Wandel erleben: Kommunikation, Trainingsmethodik / -didaktik, Hierarchien und einiges mehr müssen neu verhandelt werden. Das prallt zuweilen auf tradierte Strukturen und Vorstellungen, wie ein Trainings- und/oder Wettkampfbetrieb aussieht. Diese Zeit des Diskurses und Aushandelns kann aber auch insofern positiv gelesen werden, weil es uns die Chance gibt, miteinander, partizipativ Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen aller sicher Sport treiben können.
Generell zu unserem Schwerpunktthema: Sie sind Vorstandsmitglied des Vereins. Wie sehen Sie die Zukunft ehrenamtlicher Vorstandsarbeit in größeren Vereinen, sind die Herausforderungen auf lange Sicht noch im Ehrenamt leistbar?
Unser Verein ist in den letzten 15 Jahren von 2.100 Mitgliedern auf knapp 6000 Mitglieder angewachsen. Wir haben uns also fast verdreifacht. Wir sind kein kleiner Verein mehr, sondern eher mit einem mittelständigen Unternehmen vergleichbar und so müssen wir auch agieren. Es geht nicht mehr „nur“ um die Bereitstellung von Sportangeboten, um die Bearbeitung täglicher Anfragen, sondern vielmehr um Richtungsentscheidungen, Finanzierungstrategien, Gemeinnützigkeitskontrollen, Buchhaltungslösungen, um Personalplanung, juristische Fragestellungen, Steuerprüfungen, Beantragung, Dokumentation und Abrechnung von Fördermitteln, Vertragsmanagement, uvm. Diesen Aufgaben verantwortungsbewusst nachzukommen, geht nicht mehr „nebenbei“ im Ehrenamt. Inzwischen sind täglich Entscheidungen zu treffen, die weit über das ehrenamtliche Wissen und der Verfügbarkeit von Ehrenamt hinausgehen. Das kann nur jemand überschauen, der im Vereinsmanagement zertifiziert ist, die Sportlandschaft kennt und Netzwerke pflegt. Daher ist für uns klar, dass sich um diese Belange nur noch das Hauptamt kümmern kann. Daher haben wir uns als BTSC in den letzten Jahren intensiv mit unserer Vereinsentwicklung beschäftigt, die in eine außerordentliche Mitgliederversammlung im Dezember 2025 gemündet ist und den Weg für die Modernisierung unserer Vereinsstrukturen frei gemacht hat.
Meine Vorstandskolleg*innen und ich waren der Meinung, dass nur so Ehrenamt wieder möglich wird. Denn die ehrenamtlichen Ressourcen, die aktuell durch eher unattraktive Verwaltungsvorgänge gebunden sind, können so frei gemacht werden, für die schönen Seiten des Ehrenamts, also Themen und Aktionen auf die Ehrenamtliche wirklich Lust haben: die Organisation eines Events, Projekte mit den Mitgliedern des Vereins etc.
Und wie kann man Nachwuchs für die Vorstands- und Gremienarbeit gewinnen, welche Ansätze würden Sie empfehlen?
Engagement muss man sich aber auch leisten können. Neben einer 40-Stunden-Woche ist dies schwer möglich, oder wenn ich verschiedener Lohnarbeit nachgehen muss, um am Ende des Monats meinen Kühlschrank zu füllen. Auf der einen Seite wird das ehrenamtliche Engagement wie zuletzt bei den olympischen Winterspielen sehr gelobt und auch immer wieder gern auf die Kraft der Zivilgesellschaft bei gesellschaftlichen Herausforderungen zurückgegriffen, Debatten über das Aussetzen von Arbeit in Teilzeit und Preissteigerung bei Lebenshaltungskosten senden ein anderes Signal.
Das Ehrenamt hat sich über die letzten Jahrzehnte verändert. Ich würde behaupten, es ist nicht weniger geworden, aber die Art und der Umfang des Engagements hat sich verändert. Die Menschen wollen sich als Abwechslung zu ihrem Alltag engagieren und dabei Freude und positive Emotionen erleben. Das geht am besten projektbezogen. Das klassische ehrenamtliche Engagement ist aber nach wie vor an Gremien mit langen Laufzeiten gebunden. Unser Lebensalltag ist voller Möglichkeiten und erfordert viel Flexibilität und daran muss sich auch das Ehrenamt orientieren: flexible Möglichkeiten des Engagements, mit einem definierten Zeitfenster, klar definierten Aufgabenpaketen, transparenter Erwartungshaltung und Ansprechpersonen, die sich zuständig fühlen die Ehrenamtlichen bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu begleiten. Das ist vielleicht am ehesten vergleichbar mit Volunteering-Programmen von größeren Events. Um dieses flexible Ehrenamtsmodell zu koordinieren, wird es aber wiederum Hauptamt brauchen.
Im besten Fall kann ein solch temporäres Engagement das Tor für ein längerfristiges Engagement sein, wenn wir weiter in den klassischen Vereinsstrukturen denken.
Was wollen Sie vielleicht sonst noch zum Thema sagen?
Immer wieder wurde ich aus dem engeren Familien- und Freundeskreis gefragt, warum ich das oben beschriebene in meiner Freizeit mache, teilweise wurden Formulierungen gewählt „warum man sich das antut“. Ich habe immer mit den oben beschriebenen Aufgaben und meiner Motivation geantwortet, aber in meiner Wahrnehmung konnte ich den Kern nicht transportieren und überzeugen. Mittlerweile glaube ich, den Versuch, Ehrenamt rational zu erklären, wird ihm nicht gerecht. Dabei reduziert sich alles nur auf ToDos, Verantwortung und Aufgabenpakete. Das gehört sicherlich dazu, aber aus diesen Gründen engagiert man sich nicht. Es ist ein Gefühl, es ist die Leidenschaft sich für die Gemeinschaft zu engagieren aus dem Glauben und der Motivation heraus für ein besseres Miteinander und dabei die Chance zu haben, persönlich zu wachsen.
Weitere Quellenangaben / Informationen zum Artikel:
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