Als Verband unterstützend und wertschätzend agieren

Interview mit BTFB-Vizepräsident Manfred Schick und Leistungssport-Referentin Finja Säfken in BewegtBerlin, Ausgabe 5-2025
Manfred Schick (68), Vizepräsident Sport des BTFB, bis August 2022 Sport- und Englischlehrer, Abteilungsleiter Gerätturnen der Berliner Turnerschaft (BT); Übungsleiter und Kampfrichter
Finja Säfken (28), Referentin Leistungssport im BTFB; ehemalige Turnerin des DTB-Kaders bis 2011; Masterabschluss in Sportwissenschaft an der HU Berlin; Übungsleiterin in der TTS „Maxi Gnauck“; Kampfrichterin
Unsere Einstiegsfrage, die wir in dieser Ausgabe allen stellen: Wie definierst du den Begriff Leistung für dich?
Finja: Ich habe mir lange Gedanken drüber gemacht und hatte erst mal so diese ganz klassische Definition – es ist Arbeit pro Zeit, also grundsätzlich einfach das Ergebnis oder der Erfolg einer Tätigkeit. Aber wenn ich ein bisschen weiterdenke und Leistungen im Kontext des Sports betrachte, dann bedeutet das für mich viel mehr die Fähigkeit, sowohl körperliche als auch mentale Aufgaben zu bewältigen und dabei auch die persönlichen Entwicklungsschritte als Erfolg oder als Leistung anzusehen.
Das können wir gleich als Definition oben über das Interview schreiben…
Manfred: Das Entscheidende ist natürlich, dass das für jeden individuell unterschiedlich ist. Es kommt also darauf an, was für eine Leistungsfähigkeit und auch was für eine Leistungsbereitschaft man hat. Es gibt nichts Absolutes, wo man sagt: Das ist Leistung, sondern das ist immer abhängig von der jeweiligen Person.
Bitte skizziert kurz die Sport-Struktur im Verband und eure Verantwortungsbereiche
Finja: Zu meinem Bereich gehören die zwei Bundesstützpunkte Gerätturnen männlich und Rhythmische Sportgymnastik und das DTB Turnzentrum Gerätturnen weiblich. Und die zu den drei Stützpunkten jeweils gehörigen Turn-Talentschulen, die aufbauend Nachwuchsarbeit machen. Außerdem bin ich in der Frauenturnhalle beim Gerätturnen weiblich auch als Trainerin aktiv, neben meinem Hauptberuf.
Manfred: Meine Aufgaben als Vizepräsident sind eher allgemeiner, ich bin Ansprechpartner für alle Akteure, die es im Sportbereich gibt. Das kann auch Faustball sein, oder auch Kinderturnen. Außerdem bin ich öfter in Gremien vertreten, mache Siegerehrungen, werde auch mal gefragt, wenn es eine Rede zu halten gibt, bin engagiert natürlich auch im Kinderschutz. Was mir bei all dem am wichtigsten ist: Die Wertschätzung unseres Verbandes rüberzubringen an die Sportler und an die Sportlerinnen.
Finja, ist es ein Vorteil, dass du selbst Turnerin warst …?
Finja: Ja, ich glaub‘ schon oder ich hoffe doch, dass man sich so ein bisschen besser reinversetzen kann in die Trainer oder auch in deren Aufgaben und man die Erfahrungen, die man als Turnerin früher, aber auch jetzt als Trainerin macht, mit einfließen lassen zu können.
Manfred: Ich muss auch sagen, wir haben ja das große Glück, Finja zu haben, die aus diesem Bereich kommt und jetzt noch Bundesliga turnt! Darum müssen wir uns über viele Dinge eigentlich gar nicht unterhalten, weil wir wissen, wie es läuft. Wir wissen, wie jemand denkt, wenn er mal ein Misserfolgserlebnis hat oder wie sich ein Erfolg anfühlt – das hatten wir alles selber und das ist schon ein großer Vorteil.
Im Leistungssport-Bereich gab es in diesem Jahr große Erfolge von Berliner Athletinnen und Athleten in den drei olympischen Sportarten. Worin seht ihr die wesentlichen Erfolgsfaktoren?
Manfred: Ja, das ist natürlich eine fantastische Sache, die viel mit der Arbeit der Trainerinnen und Trainer zu tun hat: Wenn da eine respektvolle, mit Vertrauen gespickte, Zusammenarbeit zwischen kompetenten Trainern und talentierten Sportlern da ist. Der Verband muss unterstützend und wertschätzend zur Seite stehen. Da kommen viele Faktoren zusammen. Aber für mich das Allerwichtigste, das kann Finja wahrscheinlich auch bestätigen, das sind die Trainerinnen und Trainer.
Finja: Ja, ich glaube, da spielen auch nicht nur die guten Strukturen eine Rolle, die wir hier in Berlin haben, wie zum Beispiel mit den Eliteschulen. Sondern eben auch, dass die Atmosphäre in der Halle gut ist, dass die Kinder gerne zum Training gehen und Spaß daran haben. Spaß ist ein großer Faktor, der die Leistung weiterbringt und die intrinsische Motivation einfach stärkt. Die soziale Komponente ist auch ganz wichtig, man hat über eine lange Zeit halt seine Freundin oder seine sozialen Kontakte in der Turnhalle.

Den Umgang mit Niederlagen – man lernt den am besten bei Wettkämpfen, oder?
Finja: Es ist ja so der Grundbaustein, weswegen man den Sport betreibt, dass man bei Wettkämpfen gute Leistungen bringen will. Das ist das, was einen grundsätzlich motiviert zu trainieren, dass man eben über sich hinauswächst bei den Wettkämpfen. Man hat ein Ziel vor Augen, bis wann man besondere oder bestimmte Elemente oder Übungen schaffen möchte. Und das gibt dem Training einen konkreten Sinn und ein bestimmtes Ziel, bis wann man wohin arbeiten möchte.
Manfred: Ja, es ein Ziel des Trainings natürlich, manche trainieren für sich und sie sind damit zufrieden, wenn sie eine Leistungssteigerung haben, andere brauchen die Wettkämpfe. Ich trainiere jetzt schon eine Weile Erwachsene, nicht in diesen hohen Leistungs-Bereichen natürlich. Und wenn wir nicht Wettkämpfe hätten, wie die in Oranienburg oder Eberswalde zum Beispiel, dann würden die Männer gar nicht mehr zielgerichtet trainieren.
Und man lernt natürlich Menschen kennen, mit denen man zum Teil über Jahrzehnte noch Kontakt hat. Das ist auch ganz wichtig. Deshalb: Wettkämpfe, die sind das Salz in der Suppe.
Der Show-Bereich gehört jetzt im BTFB strukturell zum Sport – gilt der Leistungsgedanke auch in diesem Bereich?
Finja: Ja, auf jeden Fall! Ich würde es anders definieren, nämlich den Showauftritt so perfekt zu machen, wie man es trainiert hat. Und man möchte die Zuschauer begeistern. Das ist eine Leistung, die man erbringen möchte.
Du warst ja selbst in der in der Showgruppe vom „Feuerwerk der Turnkunst“ …
Finja: Ja. Im Showauftritt kann man eben auch seine eigene Kreativität mit einbringen. Das war eine ganz andere Erfahrung für mich persönlich, aber es hat genauso mit Leistung zu tun, man ist genauso vorher aufgeregt, weil man natürlich das Bestmögliche zeigen und die Zuschauer begeistern möchte. Und man hat wirklich den Lohn der Anstrengungen direkt bekommen mit einem Riesenapplaus, was im Wettkampf manchmal nicht so der Fall ist ..
Manfred: Wenn akrobatische Übungen gezeigt werden oder synchron zu einer schönen Choreografie getanzt wird, dann ist das natürlich eine Leistung. Im Showbereich sieht man sehr gut: Spaß und Leistung, das ist kein Widerspruch, sondern im Gegenteil, das passt zusammen.
Was sind die derzeit größten Herausforderungen in eurem Bereich?
Finja: Das Thema humaner Leistungssport. Nicht, weil es gerade grundsätzlich in Deutschland ein akutes aktuelles Thema ist, sondern weil es für uns als Verband eine Grundsatzaufgabe und generell wichtig ist. Das Anliegen in die Stützpunkte und letztlich in alle Turnhallen zu tragen, ist ein permanenter Prozess und da stellt sich dann oft die Frage: Wie vermittelt man das am besten und wie können wir als Verband die Trainerinnen und Trainer dabei unterstützen?
Manfred: Im Kontext von Kinderschutz und der Gewalt-Prävention ist es oft ein schmaler Grat, vor allem, was die Psyche betrifft, zwischen Leistungsansprüchen und dem Ton oder den Worten, mit denen etwas gefordert oder vermittelt wird. Deshalb ziehe ich meinen Hut vor den Trainerinnen und Trainern, die hier jeden Tag mit ihren Athletinnen und Athleten daran arbeiten, Leistung auf die bestmögliche Art und Weise zu erreichen.
Was zeichnet ein gutes Trainer-Athleten-Verhältnis aus?
Finja: Ich finde, die zwei wichtigsten Begriffe, die bei dem Trainer-Athleten-Verhältnis bestehen müssen, sind Vertrauen und Respekt. Der Athlet oder die Athletin muss sich vom Trainer verstanden und ernst genommen fühlen, aber eben auch in der Leistung und in der Persönlichkeit weiterentwickelt oder gefördert werden. Man muss sich gemeinsam die Ziele setzen und nicht, wie es vielleicht manchmal früher war oder vielleicht rüberkommt, dass der Trainer die Ziele setzt oder die Ziele vom Verband gesetzt werden, sondern dass es immer eine gemeinsame Zielsetzung vom Trainer und vom Athleten gibt.
Manfred: Ja, ich habe mir vorab bisschen was aufgeschrieben und Respekt und Vertrauen stehen auch auf meinem Zettel. Aber für mich ist eigentlich meine Frau die Trainerin des Jahrhunderts! Sie ist Trainerin junger Turnerinnen und sie liebt ihre Arbeit, das ist eine ganz entscheidende Sache. Und sie liebt auch ihre Mädchen, und die Mädchen vertrauen ihr, weil sie wissen: Sie ist kompetent und was sie macht, macht sie, weil sie mich voranbringen möchte.
Wie wichtig ist eine objektive, faire Wertung von Leistung und welche Entwicklung seht ihr diesbezüglich in unseren Sportarten in den letzten Jahren?
Manfred: Ich kann bestätigen, dass sich da einiges zum Guten gewendet hat. Ich bin selbst Kampfrichter, habe in letzter Zeit auch mehrere Ausbildungen absolviert und werte auch bei den Turnerinnen. Durch die Systemänderung, weg von den 10 Punkten, hat sich vieles positiv entwickelt.
Natürlich wäre es schön, wenn wir bei den Sportarten, in denen Menschen Bewertungen abgegeben, ein System hätten, das objektiv bewertet. Denn Menschen machen natürlich Fehler. Vielleicht hilft in Zukunft die KI? Ich glaube, beim Sprung gibt es schon solche Versuche, mit vielen Kameras und ohne Kampfrichter zu arbeiten. Aber ob das für alle Geräte und Übungen jemals machbar ist, ist eine zweite Frage.
Finja: Ich glaube, bei den Männern setzen sie ein KI-Programm schon an den Ringen ein. Da wird dann beurteilt, ob die Position lange genug gehalten wird, in welchem Winkel, wie genau die Ausführung ist. Aber ich finde, zum Beispiel bei der Rhythmischen Sportgymnastik geht das nicht so einfach, da kommt es auch drauf an, wie ist die Choreo abgestimmt auf die Musik. Und es ist ja gerade die Herausforderung der Sportart, dass man sich manchmal nicht einig ist, weil vieles natürlich auch eine Geschmackssache ist. Ich glaube aber, dass sich die Kampfgerichte in beiden Sportarten gewandelt haben, da gibt es mehr Offenheit für Entwicklungen.
Was motiviert euch persönlich, eine hohe Leistung anzustreben?
Manfred: Wenn ich zurückdenke, eigentlich war ich nie zufrieden mit einer Leistung. Selbst nach einem Wettkampf mit einer tollen Wertung … Das liegt wahrscheinlich auch an meinem Charakter, ich bin anscheinend sehr ehrgeizig. Man muss auch sehr ehrgeizig sein, nicht nur was den Sport betrifft. Ich mach‘ ja auch Musik und da gilt das auch – also, egal was ich mache, ich muss es so gut wie möglich machen. Aber es gibt immer einen Weg nach oben, den man eine Stufe höher gehen kann. Finja geht es sicher genauso.
Finja: Ja, mir geht das wirklich genauso! Also, man ist selten so zufrieden, dass man sagt, das ist jetzt das Maximum, was jetzt erreicht wurde. Man findet immer Potenzial, das noch zu verbessern. Sei es jetzt bei den Turnerinnen in der Halle oder sei es halt jetzt im Job. Ich bin vor allem dann so ein bisschen gefrustet, wenn man nicht vorankommt, wenn irgendwas fehlt und nicht so ist, wie ich es haben will. Aber ich habe durch den Sport gelernt, weiter dranzubleiben, den Ehrgeiz zu haben, doch noch zu schaffen, was man sich vorgenommen hat.
Manfred, was kommt dir in deinem Leben an Eigenschaften, an Werten, die der Leistungs- und Wettkampfgedanke mit sich bringt, am meisten zugute?
Manfred: Was mir sehr zugute kommt: Man hat primär eine Leistungsbereitschaft, das dient einem in allen Bereichen dieses Lebens. Man hat ein Durchhaltevermögen, man lässt sich nicht so schnell von seinem Weg abbringen, weil man weiß, wenn man am Ball bleibt, dann erreicht man seine Ziele. Selbstvertrauen ist natürlich auch eine entscheidende Sache, und dass man gelernt hat, die Leistungen anderer zu respektieren.
Was wünscht ihr dem Sport für die Zukunft – im Verband, in der Gesellschaft?
Manfred: Mir kam bei der Vorbereitung auf unser Gespräch eine Idee, wie die Politik den Sport unterstützen kann. Es gibt einen Länderfinanzausgleich, und aus meiner Sicht wäre es eine gute Sache, wenn es auch einen Sportfinanzausgleich gäbe. Also dass reichere Verbände – ich sage mal Fußball – dann die Verbände unterstützen können, die vielleicht nicht so viel Geld haben … Da schüttelt ihr jetzt zweifelnd den Kopf, weil ich das Wort Fußball erwähnt habe, aber man muss schon Träume haben und Visionen für die Zukunft.
Finja: Mir geht es um mehr Wertschätzung oder auch Respekt für den Sport. Dass der Sport in der Gesellschaft ein bisschen mehr in den Vordergrund rückt und medial mehr wertgeschätzt wird. Der Sport ist so facettenreich und etwas für jede und jeden. Wir haben es ja gesehen bei den FINALS, leider nur einmal im Jahr, da werden verschiedene Sportarten gezeigt und die Leute gucken sich das gern an und sind begeistert.
Olympische Spiele in Deutschland, in Berlin…?
Finja: Ja! Ich bin dafür, auch gesellschaftlich betrachtet.
Manfred: Ja! Wenn ich jetzt Nein sagen würde, dann müsstet ihr euch einen neuen Vizepräsidenten suchen… Es gibt viele Argumente dafür und was den Breitensport betrifft, haben die Spiele einen unglaublich positiven Einfluss auf eine Gesellschaft.
Die Fragen stellte Sonja Schmeißer